Aktuelles
„Die Ermittlung“ im vierten deutschen Landesparlament
Nach früheren szenischen Lesungen von Peter Weiss‘ Auschwitz-Oratorium „Die Ermittlung“ im Niedersächsischen Landtag (2009) und in der Bremischen Bürgerschaft (2016) von anderer Seite sowie einer Aufführung im Sitzungssaal des Landtags Baden-Württemberg (2025) unter Burkhard C. Kosminskis Regie (Schauspiel Stuttgart) wird die Stuttgarter Inszenierung des Stücks am 13. November 2026 als Gastspiel auch im Landtag Rheinland-Pfalz in Mainz gespielt. Das Schauspiel Stuttgart verhandelt gegenwärtig mit weiteren Landtagen über zusätzliche Gastspiele. Eine entsprechende Anregung hatte Theaterkritiker Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (2./3. Oktober 2025, S. 10) ausgesprochen.
Call for Papers: Peter Weiss‘ „The Aesthetics of Resistance“ at Fifty
Graduate Conference, Princeton University
Peter Weiss’s monumental novel The Aesthetics of Resistance (1975–81) remains one of the twentieth century’s most ambitious attempts to articulate the relation between politics and aesthetics within a revolutionary tradition. While telling the stories of organizers against fascism during the Nazizeit, the novel foregrounds the engagement with art as a legitimate and necessary form of political work. Here, in contrast to elitists' conceptions of art and aesthetics, proletarian autodidacticism is represented as a dialogical process of defending and developing perceptual abilities against the totalitarian pressures of fascist violence and revolutionary dogmatism. The “slow” and “circuitous” processes of subject-formation take precedence over heroic deeds. In this alternative Bildungsroman, the struggle against fascism becomes reflexive and transformative only through the inquiry into art and the unconscious.
At the same time, The Aesthetics of Resistance represents political violence as an assault not only on bodies, but on perception itself, one that extends from the Holocaust and Vietnam to contemporary acts of systematic and genocidal violence. Placing such experiences in relation to one another, Weiss’s work opens onto a wide horizon of political and aesthetic expressions of humanity and resistance, from the anti-apartheid “cultural work” of the Medu Art Ensemble to the poetry and political writings Walid Daqqa, written during his thirty-eight years of imprisonment in Israel. In navigating the tension between the necessity of solidarity and the risks of its unconditional proclamation, the novel insists that perception, study, and aesthetic practice themselves constitute forms of political labor that are never finished and must remain subject to ongoing critical evaluation.
„Die Ermittlung“ bei Tanztreffen der Jugend
Am Ort der West-Berliner Uraufführung, dem heutigen Haus der Berliner Festspiele (Großer Saal), wird am 28. September 2026 ein Auszug aus Peter Weiss‘ „Die Ermittlung“ im Rahmen des Tanztreffens der Jugend aufgeführt. Die Inszenierung des ersten Gesangs durch die Oberstufentheatergruppe des Dientzenhofer-Gymnasiums Bamberg macht die Mechanismen von Gewalt, Schuld und Selbstentlastung in einer chorischen und körperlichen Sprache erfahrbar.
„Die Ermittlung“ in Krefeld
In Kooperation mit der NS-Dokumentationsstelle Krefeld führte das Triastheater Krefeld am 5. Juli 2026 Peter Weiss‘ Stück „Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen“ auf.
Lesung von Weiss-Text auf Einladung der „Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer“
Anlässlich des Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Europa hatte die „Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer“ in Kooperation mit dem Bad Vilbeler „Bündnis für Demokratie und Vielfalt“ im Mai 2026 zu einer Lesung von Peter Weiss' Text Die Ortschaft durch Edgar M. Böhlke in das Haus der Begegnung nach Bad Vilbel eingeladen.
Medienberichte
„Marat/Sade“ am Residenztheater
In Peter Weiss’ bahnbrechendem Stück treffen zwei von der Französischen Revolution Desillusionierte und Verfechter des Exzesses aufeinander: Marat vs. Sade. Peter Weiss’ 1964 uraufgeführtes Stück ist ein Spektakel des Übergangs, der Zeitenwende und des Zweifelns und passt vielleicht gerade darum so frappierend ins Heute – inszeniert von Claudia Bossard, die mit „Marat/Sade“ zum ersten Mal am Residenztheater arbeitet.
Die Premiere ist auf den 21. März 2026 im Marstall München angesetzt.
Theaterkritiken
„Kien“. Drama von Maxim Biller. Lesung mit Samuel Finzi und Herbert Knaup
Podiumsgespräch mit den Schauspielern, Norbert Otto Eke, Arnd Beise, Michael Hofmann.
Maxim Biller wirft in seinem neuen Stück „Kien“ den Blick zurück in die Gründungs- und Selbstbegründungsjahre der Bundesrepublik Deutschland als geläuterter Nation, in der die Scham (über die Liebe zu Hitler, über den antisemitischen Konsens) als Selbstwahrnehmungs- und Verhaltensnorm im Rahmen der nationalen Selbstfindung sowie ein vordergründiger Philosemitismus der intendierten moralischen Wiedereingliederung Deutschlands in die Völkergemeinschaft Glaubwürdigkeit verleihen sollte.
1964 in Hamburg in einem Studio des NDR auf der Rothenbaumchaussee: Der Journalist Friedrich K. Friedrich interviewt den Schriftsteller Ulrich Kien in seiner Fernsehsendung „Achtung Kultur“. Kien, ehemals Adolf Rosenstein, Anfang vierzig, bekennender Sozialist, viel besprochener und preisgekrönter Autor und Dramatiker, der 1939 aus Prag nach England emigrierte, wo er noch lebt. Friedrich K. Friedrich, ca. fünfzig Jahre alt, NDR-Moderator, der während der NS-Zeit Drehbücher für die Reichsfilm AG schrieb. Es soll ein Gespräch über das aktuelle Theaterstück und Schaffen Kiens werden.
Nach und nach entrollen sich jedoch Verstrickungen der beiden Männer während des 2. Weltkriegs. Familiengeschichten, politische Ideologien, persönliche Motive, und im Zentrum des Ganzen eine Frau, die sie beide kannten: Paula Paulson. Sie war eine der vielen Menschen, die in einem Film der Reichsfilm AG „mitspielen“ mussten und anschließend deportiert wurden. Das Fernsehinterview entwickelt sich zu einem Thriller vor und hinter den Kulissen. Faschistische Ideologien, die weiterhin im Kopf von Friedrich K. Friedrich vorherrschen, kommen auf den Tisch.
Diese Konfrontation wird für einen der beiden zum Kampf ums Überleben.
Lesung und Literaturgespräch am Samstag, 7. März 2026 · 18.00 Uhr
Ort: Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Eberhard-Lämmert-Saal, Eingang Meierottostr. 8, 10719 Berlin.
Organisiert von der IPWG in Zusammenarbeit mit dem ZfL Berlin.
Die Veranstaltung wird gefördert durch die Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Afghanistan-Aktion zur Rettung hochgefährdeter Personen
Die schweizerisch-deutsche Schriftstellerin und emeritierte Titularprofessorin für Literaturwissenschaft Sabine Haupt, die zugleich langjähriges IPWG-Mitglied ist, hat im Rahmen einer Afghanistan-Aktion mehr als 90 hochgefährdete Personen (Schriftsteller:innen, Hochschuldozent:innen, Journalist:innen, Menschenrechtsaktivst:innen) und ihre Familien nach Europa (Schweiz, Deutschland, Spanien und Frankreich) holen können. Sie hat die gesamte Aktion und ihren Kontext in einer Anthologie dokumentiert, die im Mai 2025 erschienen ist. Dazu gibt es ein Radio-Interview auf SRF2 Kultur, das mit Fotos von einem begleitenden großen Afghanistanfest vom 3. Mai 2025 illustriert ist: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7363474685461692421/
RP Kahls Filmfassung der „Ermittlung“ für den Grimme-Preis nominiert
Der vierstündige Kinofilm „Die Ermittlung“ (Film Mischwaren für BR/WDR/ARTE, WDR-Redaktion: Götz Vogt) ist für den Grimme-Preis nominiert (Kategorie: Fiktion). Eine Adaption des Theaterstücks „Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen“ von Peter Weiss, das auf persönlichen Aufzeichnungen, Zeitungsartikeln und Protokollen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963 bis 1965) basiert. Regisseur RP Kahl hat das Theaterstück mit 60 Schauspielerinnen und Schauspielern für die Kinoleinwand inszeniert. In unmissverständlich klarer Sprache zu einem lyrischen Klagegesang verdichtet und montiert, konfrontiert das Stück Täter und Opfer und lässt das Grauen in Auschwitz spürbar werden.
Das monumentale Werk „Die Ermittlung“ (DE 2024, 241', Rolf Peter Kahl) wird am Dienstag, dem 27. Januar 2026 um 17:30 Uhr im FILMCLUB Capitol Bozen in deutscher Sprache mit italienischen Untertiteln gezeigt. In Anwesenheit des Produzenten des Films Alexander van Dülmen und des Darstellers Wilfried Hochholdinger (Inglorious Basterds, Babylon Berlin).
„Die Ermittlung“. Szenische Lesung im Scharoun Theater
Die zerstörerische Macht, die von Sprache ausgehen kann, offenbart sich vor allem in Hassrede und Diffamierung, vor allem wenn sie wieder und wieder erklingen. Mit der Zeit werden Hetze und Vernichtungsfantasien zu einer Art von Normalität. So bereiten Worte den Boden für (Menschheits-) Verbrechen, wie sie im Konzentrationslager Auschwitz begangen wurden. Diese allein auf Vernichtung und Auslöschung zielende Kraft klagt Peter Weiss u.a. in seinem Dokumentar-Theater über den ersten Frankfurter Auschwitzprozess an. Einer der Angeklagten, der Unterscharführer Stark, benennt die sprachlichen Wurzeln des mörderischen Systems der Nationalsozialisten: „Jedes dritte Wort in unserer Schulzeit / handelte doch von denen / die an allem schuld waren / und die ausgemerzt werden mussten.“
Weiss' Text durchmisst das ganze Grauen des Vernichtungslagers von der „Rampe“ bis zu den „Feueröfen“ und zeichnet den Weg nach, den unzählige Deportierte von der Ankunft in Auschwitz bis zu ihrem Tod gehen mussten. So offenbart sich das gesamte „System“ Auschwitz, das über die individuellen Opfer- und Tätergeschichten hinausgeht. Der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wollte mit dem Frankfurter Auschwitzprozess eben dieses System der deutschen Öffentlichkeit vor Augen führen.
Diese Veranstaltung findet im Rahmen des Holocaustgedenktages am 27. Januar 2026 statt.
Scharoun Theater Wolfsburg, Hinterbühne, Donnerstag, 22. Januar 2026, 19.30 Uhr:30 – 20:40 UhrHin
Hinweise 2025
50 Jahre »Die Ästhetik des Widerstands«
Literaturgespräch mit Birgit Müller-Wieland und Ingo Schulze
Moderation: Arnd Beise und Michael Hofmann
»Wie sollten wir noch Romane schreiben, wenn ringsum Ungeheuerliches im Entstehn begriffen ist«?
Vor 50 Jahren, im Herbst 1975, erschien der erste Band der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss (1916–1982). Anfänglich von der Kritik ambivalent aufgenommen, wurde rasch klar, dass dieses Romanprojekt zwischen Historiografie und verlebendigender Fiktion ein Jahrhundertwerk ist, »eines der erregendsten, mutigsten und traurigsten Bücher« seiner Zeit, wie Wolfgang Koeppen es nannte.
In der Ästhetik des Widerstands verschränkt Weiss die Geschichte des Widerstands gegen Unterdrückung mit der Frage nach der Rolle von Kunst und Literatur für das Bewusstsein der Widerstehenden. Beispielhaft steht dafür die Geschichte jener, die zwischen 1937 und 1945 gegen den Faschismus kämpften.
Für viele Schriftsteller:innen der Gegenwart war die Lektüre dieses dreibändigen Monuments ein Erlebnis ganz eigener Art. Die Internationale Peter Weiss-Gesellschaft (IPWG) lädt deshalb ein zu einem Gespräch über die Bedeutung von Peter Weiss’ Romanprojekt für die eigene literarische Entwicklung. Arnd Beise und Michael Hofmann von der IPWG diskutieren mit der österreichischen Schriftstellerin Birgit Müller-Wieland und dem Berliner Autor Ingo Schulze, die beide 19 Jahre alt waren, als Peter Weiss seine »Ästhetik des Widerstands« vollendete.
»Die Hoffnungen würden bleiben. Die Utopie würde notwendig sein.«
Literaturgespräch am 29. November 2025 · 18.00 Uhr
Ort: Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Eberhard-Lämmert-Saal, Eingang Meierottostr. 8, 10719 Berlin. Organisiert von Claude Haas
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