Der Chronist der „Weltkomödie“ und seine Beziehungen zu Peter Weiss

In memoriam Christoph Meckel

Wie Peter Weiss hat auch Christoph Meckel sowohl als Autor wie auch als bildender Künstler gearbeitet. Beide kannten und schätzten sich. Während aber Weiss nach seiner Phase als Bildkünstler nicht mehr schrieb, hat Meckel beides stets parallel betrieben.

In meiner Zeit als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn hatte ich die Chance, eine Ausstellung zu Meckels „Weltkomödie“ zeigen zu können.  Im Zentrum stand seine Radierung „Der kranke Engel“ von 1985. Eine Hommage an den bekannten finnischen Maler Hugo Simberg und dessen Gemälde „Der verwundete Engel“ von 1903, das in Finnland zum nationalen Identifikationsbild wurde.  Im Gespräch verwies Meckel auf freundlich-heitere Weise darauf, dass er sich selbst stark mit beiden Bildern identifiziere, gab aber ähnlich wie Simberg keine Hinweise zur Interpretation. Aus seinem umfangreichen Werk als Autor und bildender Künstler kann man aber schließen, dass sein Engel als Symbol für die Gefährdung dieser Welt und der Menschen angesehen werden kann. Im Zeichen der aktuellen Corona-Krise drängen sich dazu besonders viele Assoziationen auf.

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Ein Leben in Frohburg

Nachruf auf Guntram Vesper (1941 - 2020)

Im Frühjahr 2016 wurde der Leipziger Buchpreis überraschenderweise dem tausendseitigen Roman „Frohburg“ von Guntram Vesper zugesprochen. Mit ihm tauchte ein Autor aus der Versenkung auf, der in diesem Werk nochmals seine drei gewichtigen Lebensfragen stellte: In welcher Welt leben wir? Was wollen wir? Wer sind wir?

Guntram Vesper hatte sie, ohne Fragezeichen, schon 37 Jahre zuvor im Erzählband „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ formuliert – und seither immer wieder in allen möglichen Formen variiert. In diesen drei Fragen steckt der Stoff für sein vielteiliges Werk, das Gedichte, Prosa und Hörspiele umfasst, und das sich, wie schon das 1980 erschienene Gedicht „Frohburg“ (im Band „Die Illusion des Unglücks“), im gleichnamigen Städtchen abspielt. Frohburg ist für Guntram Vesper Geburtsort, poetischer Kristallisationspunkt und historisch-soziales Universum in einem.

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„Die Ermittlung“ von Peter Weiss in Recklinghausen, Herne und Bochum

„Alles in allem hat Die Ermittlung von Peter Weiss jedenfalls schon 1965 eine zeithistorische und mentalitätsgeschichtliche Zäsur von größter Bedeutung gesetzt. Der Vorhang des Schweigens, der noch so dicht über den 1950er Jahren gelegen hatte, war endgültig zerrissen.“ (Jochen Vogt)

Bei der Inszenierung des 1965 uraufgeführten Dokumentarstücks Die Ermittlung von Peter Weiss durch Theater Gegendruck stehen Bürgerinnen und Bürger aus Recklinghausen und Umgebung gemeinsam mit Ensemble-Mitgliedern des freien Theaters Gegendruck in der Regie von Johannes Thorbecke auf der Bühne.

Ausgangspunkt der Ermittlung ist der Frankfurter Auschwitz-Prozess, in dem von 1963 bis 1965 die Verbrechen im Vernichtungs-Lager Auschwitz erstmals vor einem westdeutschen Gericht verhandelt wurden.

Die Ermittlung gibt Zeugnis vom faschistischen Völkermord, der in Auschwitz geschehen ist. In seinem „Oratorium in 11 Gesängen“ schildert der Autor den Alltag des Lagers und die Schauplätze des Verbrechens und begleitet die Häftlinge von ihrer Ankunft an der Rampe bis zu den Orten ihrer Vernichtung. Den Zeugnissen der Überlebenden stehen die Aussagen der Täter gegenüber, die jede Mitschuld an den Verbrechen leugnen.

Der Autor erinnert an die Planer und Profiteure des faschistischen Massenmords und appelliert mit seinem Stück an die Verantwortung der Gesellschaft, eine Wiederholung der Geschehnisse zu verhindern.

Samstag, 26.9.2020, 19.30 Uhr, Atelierhaus Recklinghausen
ERMITTLUNGEN. Dokumentartheater heute
Ein Abend mit Nuran David Calis
Königstraße 49a, 45663 Recklinghausen
Eintritt: 8.-/5.-(erm.)
VVK: Online: www.vhs-recklinghausen.de; tel.: 02361/50-2000

Samstag, 24.10.2020, 19.30 Uhr, Ruhrfestspielhaus/Hinterbühne
Recklinghausen
Die Ermittlung von Peter Weiss (Premiere)
Eine Produktion von Theater Gegendruck
Otto-Burrmeister-Allee 1, 45657 Recklinghausen
Eintritt: 8.-/5.- (erm.)
VVK: RZ-Ticket-Center; www.kultur-kommt-ticket.de

Sonntag, 8.11.2020, 17.00 Uhr, Künstlerzeche Unser Fritz Herne
Die Ermittlung von Peter Weiss
Eine Produktion von Theater Gegendruck
Zur Künstlerzeche 10, 44653 Herne
Eintritt: 12.-/8.-(erm.)
VVK/Reservierungen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sonntag, 22.11.2020, 18.00 Uhr, Kunstmuseum Bochum
Die Ermittlung von Peter Weiss
Eine Produktion von Theater Gegendruck
Kortumstraße 147, 44787 Bochum
Eintritt: 12.-/8.-(erm.)
Telefonische Reservierung unter: 0234/910 4230 während der Öffnungszeiten des Museums

Nähere Informationen zu diesen und weiteren Veranstaltungen des Theaters Gegendruck (Faltblatt)

Medienberichte

Information – Theater Gegendruck teilt mit

Aufgrund der Coronaschutz-Verordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 30.10.20 müssen wir leider unsere für November 2020 in Herne und Bochum geplanten Gastspiele der Produktion DIE ERMITTLUNG von Peter Weiss absagen.
Ebenso müssen die im Rahmen des Projekts ERMITTLUNGEN für November 2020 geplanten Veranstaltungen ausfallen.

Wir hoffen, schon bald wieder mit unserem Publikum in Austausch und künstlerische Auseinandersetzung treten zu können.

Mit den besten Wünschen für Ihre/Eure Gesundheit
Ihr Theater Gegendruck

https://theater-gegendruck.de/

„There’s No Such Thing as Solid Ground“

Otobong Nkanga, 2019 mit dem Peter-Weiss-Preises der Stadt Bochum ausgezeichnet, gibt nun im Gropius Bau, Berlin, bis zum 13.12.2020 einen Einblick in ihre Arbeit unter dem Titel „There’s No Such Thing as Solid Ground“.

In der Süddeutschen Zeitung schreibt dazu Till Briegleb: „[…] die skulpturale Erscheinung ihrer Arbeiten [ist] oft weniger eindrücklich als der intellektuelle Kontext, der erst durch Zusatzinformationen erkennbar wird. […] Die klugen Beziehungen, die sie zwischen Kompositionen, Materialien und fundierter Kritik an den Auswüchsen von Gier, Egoismus herstellt, machen ihre Arbeit aber zu einem der interessantesten Ansätze intellektueller Kunst in einer Welt, die täglich mehr nach Luft ringt.“ (SZ Nr. 162, Do., 16.7.2020, S. 11)

R.S.

Nähere Informationen

Die Ausstellung „Nach Norden. Deutsche Künstlerinnen und Künstler im skandinavischen Exil“ in Haus Opherdicke im Kreis Unna/Dortmund ist jetzt bis zum 7.2.2021 verlängert.

Peter Weiss ist mit dem Ölgemälde „Die Kartenlegerin“ von 1944 in dieser Präsentation von Werken aus der Sammlung von Thomas B. Schumann prominent vertreten.

1944 in Schweden entstanden, symbolisiert die Arbeit von Peter Weiss eine Zeit des Umbruchs sowohl in der persönlichen Entwicklung als Maler als auch für die Zeit im Exil. In dem informativen Katalog beschreibt Sepp Hiekisch-Picard vom Museum Bochum das Bild als beispielhaft für eine neue Epoche im Malstil von Weiss, in der er vom detailreichen, altmeisterlichen Stil hin zu großflächigeren Kompositionen und einer aufgehellten Palette findet.

Von besonderem Interesse ist auch das im Katalog erläuterte Projekt des Leihgebers, Thomas B. Schumann, seine bisher rund 800 Bilder umfassende Sammlung von Künstler*innen im Exil in einem eigenen Museum zusammenzuführen. Die Arbeiten von Peter Weiss sind ihm dafür von besonderem Interesse.

Rüdiger Sareika

kreis-unna.de