Mikis Theodorakis †

»Wenn der Boden, die Erde, unter der Herrschaft des Asphalts verschwindet, versuchen die traurigen Stadtbewohner ein paar Blumen in Töpfe zu pflanzen. Je mehr sich unser Industriezeitalter ausbreitet, umso mehr verwandeln sich die Erde der Gesellschaft und der Boden des Menschen in einen Asphalt der Gesellschaft und in einen Beton des Menschen.« (Mikis Theodorakis, 1988)      

HANSGEORG HERMANN. »Ein großer Teil der jungen Griechen sagt jetzt: Wir müssen Widerstand leisten gegen das, was Sie mit ›Asphalt‹ und ›Beton‹ umschreiben. […] Was verbinden Sie mit dem Wort ›Widerstand‹? Und was ist für Sie politischer Widerstand?«            
MIKIS THEODORAKIS. »Ich will Ihnen mit einem Beispiel aus der Vergangenheit antworten: Im Juli 1947 brachte man uns, weil wir im Bürgerkrieg als Kommunisten angeblich auf der falschen Seite kämpften, auf die Insel Ikaria in die Verbannung. Ungefähr zweihundert Mann. Die meisten waren Bauern, einige waren Gelehrte, einige waren Künstler wie ich. Fünfzig Prozent der Verbannten aber waren Analphabeten. Wir durften auf Ikaria nicht arbeiten, wir waren in ein Lager eingesperrt, umgeben von Zäunen. Daher beschlossen wir, den Bauernsöhnen, den Fischern, den Tagelöhnern das Lesen und Schreiben beizubringen. Sie lernten das sehr viel schneller, als wir wenigen Bevorzugten angenommen hatten. Deshalb begannen wir auch noch, ihnen Unterricht in Fremdsprachen zu geben – Englisch, Französisch, Italienisch, alles, was wir konnten. Das war meiner Meinung nach unser wichtigster Beitrag im Kampf um Recht und Freiheit. Es war Widerstand. Bildung und Kultur waren der wichtigste Teil des Widerstands. […] Wir haben mit unseren Bildungsangeboten den Grundstein zu dem gelegt, was später, nach dem Ende des Bürgerkriegs und in den sechziger Jahren kam. Die ›Lambrakis-Jugend‹, die Partei Vereinigte Linke des Arztes Grigoris Lambrakis, der dann im Mai 1963 von Rechtsextremisten ermordet wurde, basierte auf diesen Anfängen. Die Bewegung war nicht ideologisch überfrachtet, sie fußte auf Kultur und hatte damit großen Erfolg. Sie trug eine Kultur- und Sozialrevolution. Diese Art von Widerstand war insofern auch eine Pflicht. Bis die Junta kam und alles zerstörte.« [Aus:  »Wogegen müssen wir revoltieren, Herr Theodorakis?« Hansgeorg Hermann im Gespräch mit Mikis Theodorakis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 90, 18. April 2009, S. Z6.]

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Der IPWG-Vorstand trauert um Hans-Christian Stillmark

Mit Bestürzung nehmen wir die Nachricht vom Hinschied Dr. Hans-Christian Stillmarks zur Kenntnis.

Seit 12.12.2020 war er Mitglied des Vorstands der Internationalen Peter-Weiss-Gesellschaft e.V. Doch schon lange vorher war er (nicht nur) als Peter-Weiss-Forscher der Gesellschaft verbunden. Was seine Publikationen zu Weiss angeht, erinnere ich hier nur an den von ihm mit herausgegebenen Band "Ein Riss geht durch den Autor" (2009), sowie an den Aufsatz über Weiss und Müller im PWJ 13/2004 und an den Aufsatz über die Textcollage "Von Insel zu Insel" aus dem Jahr 2018.

Zuletzt war Hans-Christian mit der Potsdamer Niederlassung der IPWG beschäftigt, die er initiierte und betreuen wollte. Überraschend starb er am 25. August diesen Jahres. Wir werden den klugen und initiativen, zugleich hingebungsvollen Kollegen und Freund nicht vergessen und sein Werk fortsetzen.

Für die Gesellschaft und den Vorstand

Arnd Beise

Saisonauftakt bei Theater Gegendruck

Ab August 2021 kann nach der langen Zwangspause Theater Gegendruck endlich sein Publikum wieder empfangen.

Zum Auftakt gibt es eine kleine Open Air-Veranstaltung am Sonntag, 22. August 2021 um 16 Uhr. Unter dem Titel MARAT/SADE-Atelier zeigt das Theater vor dem Atelierhaus, Königstraße 49a, Recklinghausen-Süd als kleinen Vorgeschmack Szenen aus einer Neuinszenierung des Stücks Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats... von Peter Weiss, die am 2. Dezember 2021 Premiere haben wird. Der Eintritt ist frei. 

Die spartenübergreifende Performance NACHTIGALL VERBORGEN IM GRAS ist dann am Sonntag, 12. September 2021, zwischen 14 und 17 Uhr im und um das Atelierhaus zu sehen. In dieser interaktiven Kunstaktion, die durch den Förderetat der Stadt Recklinghausen für die Freie Kultur- und Kreativszene Recklinghausen unterstützt wird, finden sich Bildende Kunst, Musik und  Rezitation zusammen. Auch in diesem Fall ist der Eintritt frei.

Für beide Veranstaltungen wird um Reservierung (telefonisch unter: 02361/374773 oder per Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) gebeten.

Am Mittwoch, 27. Oktober 2021, 19.30 Uhr (Ruhrfestspielhaus Hinterbühne) und am Sonntag, 31. Oktober 2021, 18 Uhr (Kunstmuseum Bochum) zeigt Theater Gegendruck wieder die Inszenierung DIE ERMITTLUNG von Peter Weiss, die gemeinsam mit dem Gegendruck-Ensemble und einem Chor Recklinghäuser Bürgerinnen und Bürger erarbeitet wurde.

Aktuelle Informationen auch unter https://theater-gegendruck.de

Medienberichte

Peter Weiss im Kontext der Literaturgeschichte und Poetik

Kurzke, Hermann: Literatur lesen wie ein Kenner. Eine Handreichung für passionierte Leserinnen und Leser. Müchen: Beck, 2021. 394 Seiten. 28.00 €

Hermann Kurzke, Professor der Literaturwissenschaft und katholischer Theologe, hat die Ergebnisse seiner Universitätsarbeit immer wieder in bester essayistischer Weise für ein breites Publikum aufbereitet. Die Spannweite seiner Arbeiten reicht dabei von der Expertise zum Kirchenlied über Goethe, Büchner bis hin zu Thomas Mann und in die Gegenwartsliteratur. Mit seiner „Handreichung“ führt er in die deutsche Literatur und ihre internationalen Bezüge ein und zeigt Wege zum Umgang mit den sprachlichen Kunstwerken.

Peter Weiss wird nicht ausführlich behandelt, aber zwei Mal sehr wertschätzend erwähnt:

„So viele gute Bücher auch geschrieben worden sein mögen – von Grass und Böll, von Peter Weiss und Heiner Müller, von Anna Seghers und Christa Wolf – den Rang, den die deutsche Literatur vor 1945 einnahm, hat sie nach 1945 im großen Ganzen nicht wieder erreichen können.“ (S. 43)

Im Rahmen der Behandlung von Nationalsozialismus und Antisemitismus stellt Kurzke ausführlich Max Frischs „Andorra“ vor, vermerkt aber:

„Weit seltener als Andorra kam die Ermittlung (1965) von Peter Weiss (1916 - 1965) zur Ehre einer schulischen Betrachtung, obgleich man aus diesem packenden dokumentarischen Stück über den Frankfurter Ausschwitz-Prozess (1963 - 1965) sehr viel genauer erfährt, wie die Judenaktionen vor sich gingen.“ (S. 184)

Rüdiger Sareika

Dante Alighieri. Siebenhundertster Todestag

Die Übersetzungen der Comedia (Göttliche Komödie) von Borchardt und Gmelin mit dem italienischen Original vergleichend machen die Protagonisten der Ästhetik des Widerstands eine merkwürdige Erfahrung:

„Solchermaßen von den sprachlichen Ungenauigkeiten, den geglätteten Metaphern, den verlornen Rhythmen und Tonfolgen der Außenschicht vorstoßend in die innren Zusammenhänge einer nie nachlassenden Glut, merkten wir, wie Erlebnisse in uns wach wurden, von denen wir vorher nichts gewußt hatten, die in uns angelegt gewesen waren, doch durch die Poesie erst zur Wirkung gelangten.“ (Neue Berliner Ausgabe 2016, S. 99.)

Wir gratulieren mit Peter Weiss dem vermutlich im Juni 1265 geborenen Dichter Dante Alighieri in seinem 700. Todesjahr. Mit seinem Hauptwerk, der Göttlichen Komödie, überwand Dante das bis dahin dominierende Latein und konstituierte das Italienische als Literatursprache. Die in Hölle, Fegefeuer und Paradies aufgeteilte Comedia gilt als als eines der größten Werke der Weltliteratur.

In der Ästhetik des Widerstands führt Peter Weiss die Comedia unmittelbar durch die Protagonisten in die Erzählung ein, die über Dantes Werk reflektieren. Zugleich wird die Comedia bei Weiss in zahlreichen Motiven, Anspielungen und mythischen Ableitungen verarbeitet.