Peter Weiss 1916-1982: Leben und Werk

 

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Peter Weiss 1918

Der Schriftsteller, Maler und Filmemacher Peter Weiss wird am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung muss er 1934 Deutschland verlassen. Vor der Auswanderung stirbt seine Schwester Margit nach einem Verkehrsunfall. Weiss geht zunächst mit seinen Eltern und Geschwistern nach England, dann in die Tschechoslowakei, nach Warnsdorf. Er schreibt, malt, Hesse wird für ihn wichtig, nach einem Besuch bei diesem in Montagnola geht er nach Prag auf die Kunstakademie. 1939 folgt er den Eltern, die nach der Besetzung des Sudetenlandes nach Schweden emigriert sind. Nun "ganz ins Exil" verschlagen, beginnt der schwierige Prozess der Ablösung von den Eltern, der Versuch, sich als Maler zu behaupten, die Notwendigkeit, sich mit Brotarbeit durchzuschlagen.

Zu neuen Schreibversuchen führt erst die kulturelle Öffnung nach dem Krieg, ein erster Band schwedischer Prosagedichte "Från ö till ö" ("Von Insel zu Insel"), Reportagen über eine Reise ins zerstörte Berlin (1947) werden für eine Stockholmer Zeitung verfasst und unter dem Titel "De besegrade" in einen Prosamonolog umgeformt: "Die Besiegten", ein Text, der viele spätere Motive vorwegnimmt. Ein erstes Drama entsteht, "Rotundan" ("Der Turm"), ein "alptraumartiges Stück" über die Befreiung aus den Fesseln der eigenen Vergangenheit, als Hörspiel konzipiert, 1950 als Einakter in Stockholm uraufgeführt, 1963 erst auf deutsch herausgebracht. Auch der Prosatext "Duellen" ("Das Duell") ist ein Versuch, im Medium der künstlerischen Sprache die Verschlossenheit in sich selbst zu überwinden. Der Surrealismus und die Psychoanalyse helfen nun, die verschlossenen Bilder in Bewegung zu setzen und mit der Verwandlung in Sprache sich im Exil einen Ort zu erobern, der Identität ermöglichen könnte.

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Selbstbildnis in Carabietta 1938

Der Avantgardefilm wird in den fünfziger Jahren für die künstlerische Arbeit und Selbstverständigung wichtig.
Fast ein Dutzend surrealistische und dokumentarische Filme dreht Peter Weiss bis zum Anfang der sechziger Jahre, Filme, deren experimentelle Bildsequenzen (wie schon die Malerei) immer wieder den menschlichen Körper und die Grundformen von Gewalt und Kampf andeuten. Mit seinem sozialkritischen Film über ein Jugendgefängnis in Schweden, "Im Namen des Gesetzes", gerät Weiss mit seiner Dokumentation der "nackten Wirklichkeit im Gefängnis" in Konflikt mit der staatlichen Filmzensur, eine publizistische Diskussion über die Zensur schließt sich an, Gewerkschaften und Arbeiterparteien demonstrieren gegen die staatlichen Eingriffe in die künstlerische Arbeit (Mai 1958).
Ein Kapitel ist der Zensur auch in Weiss' Monographie über den "Avantgardefilm" gewidmet, die 1956 erscheint. Peter Weiss ist mehr als vierzig Jahre alt, als 1960 zum erstenmal ein Buch von ihm in Deutschland erscheint: "Der Schatten des Körpers des Kutschers", ein sprachexperimenteller und zugleich sensualistischer Prosatext, schon Anfang der fünfziger Jahre geschrieben, wird in der Bundesrepublik wie eine neue, avantgardistische Poetik rezipiert.
Die obsessiven Grundmuster der Wirklichkeitserfahrung, Unzugehörigkeit, körperliche Gewalt, eine bedrohliche Gegenständlichkeit der Beziehungsformeln werden kaum wahrgenommen.
Die Radikalität der autobiographischen Prosa, "Abschied von den Eltern" (1961) und "Fluchtpunkt" (1962), die Unbedingtheit in der Erkundung seines Ichs und seiner Verklammerung mit der Familie, die unerbittlichen Erkenntnisse, dem zufälligen Überleben im Exil einen Sinn zu geben, treffen in der literarischen Öffentlichkeit kaum auf Verständnis.

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Selbstbildnis 1946

Die großen politischen Dramen, die von 1964 bis 1971, von "Marat/Sade" über "Die Ermittlung", den "Gesang vom lusitanischen Popanz", den "Vietnam-Diskurs", "Trotzki im Exil" bis "Hölderlin" dem zeitgenössischen Theater eine neue gesellschaftliche Brisanz und künstlerische Ausdruckskraft erobern, verschaffen Peter Weiss eine weltweite Geltung.
Die dramatische Arbeit wird jetzt begleitet durch eine politische und ästhetische Selbstverständigung in den theoretischen Schriften ("Rapporte" und "Rapporte 2").
Eine zentrale Bedeutung dürfte dabei den Dante-Texten und der Laokoon-Rede zukommen, in der die lebensgeschichtlich gravierend empfundene Spannung von Bild und Wort nicht nur auf dem Hintergrund der alten ästhetischen Debatte diskutiert, sondern auch die "jüngste Vergangenheit" in die Fragen nach dem Verhältnis von Bild und Wort einbezogen wird.
Aber selbst im kulturtheoretischen Diskurs ist das lebendige Künstler-Ich mit seiner Verstrickung in das Vergangene unmittelbar gegenwärtig.
Gerade darin dürfte die ungewöhnliche Intensität der theoretischen und literarischen Arbeiten von Peter Weiss liegen, die Einsicht von Sade, dass jede Revolution scheitern wird, solange nicht die "Gefängnisse des Innern" geöffnet werden, entspringt einer tiefgreifenden lebensgeschichtlichen Erfahrung, deren spannungsvolle Dynamik in den scheinbar widersprüchlichen Komponenten von poetischer Vision und historischer Recherche, Surrealismus und marxistischer Analyse, Hölderlin und Marx usw. auszumachen ist.

Die ganzen 1970er Jahre hindurch arbeitet Peter Weiss an der "Ästhetik des Widerstands", einem trilogischen Romanwerk über den kommunistischen Widerstand gegen den Faschismus, über die Arbeiterbewegung und ihren widersprüchlichen, zerrissenen Verlauf von 1918 bis zum Ende von Krieg und Faschismus, ein Roman geschichtlicher Trauer- und Erinnerungsarbeit, der vor allem auch den Verbrechen des Stalinismus und ihren verheerenden Auswirkungen gilt.
Aber dieser Roman ist zugleich eine Ästhetik des Widerstands, es gehört zum Schönsten, was je über Kunstwerke geschrieben wurde, mit dem Bewegendsten, was über den Widerstand zu schreiben war. Mehr als acht Jahre hat sich der Autor "mit diesem Roman-Leben", dessen Mühen die "Notizbücher" dokumentieren, "aufrecht" gehalten.
Nach der Fertigstellung des Romans nimmt Peter Weiss noch einmal die Bearbeitung von Kafkas "Prozess" vor.
"Der neue Prozess" wird 1982 in Stockholm uraufgeführt, in einer Inszenierung, in der wie bei früheren Stücken Peter Weiss und seine Frau Gunilla Palmstierna-Weiss zusammengearbeitet haben. Zwei Monate später, am 10. Mai 1982, stirbt Peter Weiss in Stockholm.

Autor: Hans Höller

 

Der Peter-Weiss-Nachlass

Der Nachlass von Peter Weiss befindet sich im Literaturarchiv der Akademie der Künste in Berlin. Das dortige Peter Weiss Archiv umfasst 22 laufende Meter und insgesamt 250 Bände. Die Bestände des Peter Weiss Archivs stehen Nutzer(inne)n  für wissenschaftliche, publizistische oder private Studien zur Verfügung. Vor der Benutzung des Archivs ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Recherchen im Bestand des Peter Weiss Archivs sind auch im Online-Findbuch möglich.