Peter Weiss im Kontext der Literaturgeschichte und Poetik

Kurzke, Hermann: Literatur lesen wie ein Kenner. Eine Handreichung für passionierte Leserinnen und Leser. Müchen: Beck, 2021. 394 Seiten. 28.00 €

Hermann Kurzke, Professor der Literaturwissenschaft und katholischer Theologe, hat die Ergebnisse seiner Universitätsarbeit immer wieder in bester essayistischer Weise für ein breites Publikum aufbereitet. Die Spannweite seiner Arbeiten reicht dabei von der Expertise zum Kirchenlied über Goethe, Büchner bis hin zu Thomas Mann und in die Gegenwartsliteratur. Mit seiner „Handreichung“ führt er in die deutsche Literatur und ihre internationalen Bezüge ein und zeigt Wege zum Umgang mit den sprachlichen Kunstwerken.

Peter Weiss wird nicht ausführlich behandelt, aber zwei Mal sehr wertschätzend erwähnt:

„So viele gute Bücher auch geschrieben worden sein mögen – von Grass und Böll, von Peter Weiss und Heiner Müller, von Anna Seghers und Christa Wolf – den Rang, den die deutsche Literatur vor 1945 einnahm, hat sie nach 1945 im großen Ganzen nicht wieder erreichen können.“ (S. 43)

Im Rahmen der Behandlung von Nationalsozialismus und Antisemitismus stellt Kurzke ausführlich Max Frischs „Andorra“ vor, vermerkt aber:

„Weit seltener als Andorra kam die Ermittlung (1965) von Peter Weiss (1916 - 1965) zur Ehre einer schulischen Betrachtung, obgleich man aus diesem packenden dokumentarischen Stück über den Frankfurter Ausschwitz-Prozess (1963 - 1965) sehr viel genauer erfährt, wie die Judenaktionen vor sich gingen.“ (S. 184)

Rüdiger Sareika

Dante Alighieri. Siebenhundertster Todestag

Die Übersetzungen der Comedia (Göttliche Komödie) von Borchardt und Gmelin mit dem italienischen Original vergleichend machen die Protagonisten der Ästhetik des Widerstands eine merkwürdige Erfahrung:

„Solchermaßen von den sprachlichen Ungenauigkeiten, den geglätteten Metaphern, den verlornen Rhythmen und Tonfolgen der Außenschicht vorstoßend in die innren Zusammenhänge einer nie nachlassenden Glut, merkten wir, wie Erlebnisse in uns wach wurden, von denen wir vorher nichts gewußt hatten, die in uns angelegt gewesen waren, doch durch die Poesie erst zur Wirkung gelangten.“ (Neue Berliner Ausgabe 2016, S. 99.)

Wir gratulieren mit Peter Weiss dem vermutlich im Juni 1265 geborenen Dichter Dante Alighieri in seinem 700. Todesjahr. Mit seinem Hauptwerk, der Göttlichen Komödie, überwand Dante das bis dahin dominierende Latein und konstituierte das Italienische als Literatursprache. Die in Hölle, Fegefeuer und Paradies aufgeteilte Comedia gilt als als eines der größten Werke der Weltliteratur.

In der Ästhetik des Widerstands führt Peter Weiss die Comedia unmittelbar durch die Protagonisten in die Erzählung ein, die über Dantes Werk reflektieren. Zugleich wird die Comedia bei Weiss in zahlreichen Motiven, Anspielungen und mythischen Ableitungen verarbeitet.

 

Filmische Projekte des theaterprozess

In Anknüpfung an frühere Filmerfahrungen setzt das in Frankfurt am Main ansässige „theaterprozess“ zwei Filmprojekte mit engem Theaterbezug um. Der im Herbst 2020 finalisierte Film „Adler.Werke.Katzbach – Der Film zum Stück“ handelt in Oratorienform vom Frankurter KZ-Außenlager „Katzbach" in den Adlerwerken und wurde u. a. beim Lichter Filmfestival gezeigt. Am 14. Juli 2021 wird er während des Frankfurter Kultursommers ab 21.30 Uhr im Gallustheater Frankfurt zu sehen sein.
 
Das zweite Filmprojekt nimmt die frühere Beschäftigung des theaterprozess mit dem Auschwitzprozess wieder auf. Die filmische Umsetzung fokussiert, unter dem Titel „Prozess Auschwitz“, auf die Formen der Erinnerung bei Opfern und Tätern. Der zweite Film soll zum November 2021 abgeschlossen sein. Beide Filme werden für Fortbildungs- oder andere nichtkommerzielle Veranstaltungen kostenlos zur Verfügung gestellt.
 

Jour fixe zu „Verfolgung, Widerstand, Exil“ mit Texten von Weiss

In der Breisacher Spitalkirche in Breisach am Rhein wurde im Rahmen einer Zusammenarbeit der Gedenk- und Bildungsstätte Blaues Haus Breisach mit dem Bronislaw-Huberman-Forum zwischen dem 11. und 13. Juni 2021 ein Schwerpunkt-Wochenende mit Musik und Literatur zum Thema "Verfolgung, Widerstand, Exil" angeboten. Im Mittelpunkt des dritten Abends am Sonntag, dem 13. Juni standen Texte von Peter Weiss zu seiner Kafka-Dramatisierung "Der Prozess", zur Textgeschichte seines Oratoriums "Die Ermittlung" sowie zu Fragmenten aus seiner "Ästhetik des Widerstands" (Lesung: Gerd Heinz und Helmut Grieser). Zum Abschluss erklang Luigi Nonos elektronische Realisation "Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz – cori dall Ermittlung di Piero Weiss".

Nähere Informationen (Badische Zeitung)