„Die Ermittlung“ im Kulturhaus Frankfurt
Als 1963 der Erste Frankfurter Auschwitz-Prozessbegann und man sich der Mammutaufgabe stellte, wenigstens einen Bruchteil der Verantwortlichen für die im größten der Konzentrationslager begangenen Verbrechen gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen, war die Erinnerung an die NS-Zeit noch frisch in den Köpfen der Beteiligten und der Bevölkerung verankert. Es gab niemanden, der zu Kriegszeiten nicht auf der einen oder anderen Seite gestanden hätte, der nicht Täter oder Opfer gewesen wäre – und keinen, der nun im Zuge des Prozesses nicht in ohnmächtiger Ungläubigkeit Dinge erfahren hätte, die in den Lagern abgeschottet und doch so unversteckt all die Jahre über vor sich gegangen waren. Heute, über 80 Jahre nach Kriegsende, da nur noch sehr wenige Zeugen der NS-Zeit am Leben sind, bleiben Briefe, Dokumente, Akten, Gedenkstätten, Fotografien – und Erinnerungen an Erinnerungen.
Die Ermittlung von Peter Weiss, verfaßt im Stil eines Oratoriums, ist Dokumentartheater im besten Sinne: Die Aussagen der Protagonisten sind zwar poetisiert und in Themenkomplexe unterteilt, entsprechen aber den Fakten; es sind die echten Aussagen echter Opfer und echter Täter; beide Seiten kommen gleichermaßen und gnadenlos einander gegenübergestellt zu Gehör, ohne Bewertung, ohne Emotion und ohne In-Szene-Setzen. Für uns ist Die Ermittlung als Lehrstück zu betrachten: In kaum einem anderen Stück wird ein Teil wahrer Geschichte auf so grausame und schonungslose Weise lebendig. Die Inszenierung versteht sich als Teil der Aufgabe, diese geschichtlichen Fakten wieder aufzuzeigen und damit einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten – mehr noch: einen Beitrag dazu, dasssich dergleichen niemals wiederholt!
Aufführungen im Kulturhaus Frankfurt, 9. November 2026