Mikis Theodorakis †

Mikis Theodorakis, 1971 (Foto: Heinrich Klaffs, CC-BY-SA-2.0)
»Wenn der Boden, die Erde, unter der Herrschaft des Asphalts verschwindet, versuchen die traurigen Stadtbewohner ein paar Blumen in Töpfe zu pflanzen. Je mehr sich unser Industriezeitalter ausbreitet, umso mehr verwandeln sich die Erde der Gesellschaft und der Boden des Menschen in einen Asphalt der Gesellschaft und in einen Beton des Menschen.« (Mikis Theodorakis, 1988)      

HANSGEORG HERMANN. »Ein großer Teil der jungen Griechen sagt jetzt: Wir müssen Widerstand leisten gegen das, was Sie mit ›Asphalt‹ und ›Beton‹ umschreiben. […] Was verbinden Sie mit dem Wort ›Widerstand‹? Und was ist für Sie politischer Widerstand?«            
MIKIS THEODORAKIS. »Ich will Ihnen mit einem Beispiel aus der Vergangenheit antworten: Im Juli 1947 brachte man uns, weil wir im Bürgerkrieg als Kommunisten angeblich auf der falschen Seite kämpften, auf die Insel Ikaria in die Verbannung. Ungefähr zweihundert Mann. Die meisten waren Bauern, einige waren Gelehrte, einige waren Künstler wie ich. Fünfzig Prozent der Verbannten aber waren Analphabeten. Wir durften auf Ikaria nicht arbeiten, wir waren in ein Lager eingesperrt, umgeben von Zäunen. Daher beschlossen wir, den Bauernsöhnen, den Fischern, den Tagelöhnern das Lesen und Schreiben beizubringen. Sie lernten das sehr viel schneller, als wir wenigen Bevorzugten angenommen hatten. Deshalb begannen wir auch noch, ihnen Unterricht in Fremdsprachen zu geben – Englisch, Französisch, Italienisch, alles, was wir konnten. Das war meiner Meinung nach unser wichtigster Beitrag im Kampf um Recht und Freiheit. Es war Widerstand. Bildung und Kultur waren der wichtigste Teil des Widerstands. […] Wir haben mit unseren Bildungsangeboten den Grundstein zu dem gelegt, was später, nach dem Ende des Bürgerkriegs und in den sechziger Jahren kam. Die ›Lambrakis-Jugend‹, die Partei Vereinigte Linke des Arztes Grigoris Lambrakis, der dann im Mai 1963 von Rechtsextremisten ermordet wurde, basierte auf diesen Anfängen. Die Bewegung war nicht ideologisch überfrachtet, sie fußte auf Kultur und hatte damit großen Erfolg. Sie trug eine Kultur- und Sozialrevolution. Diese Art von Widerstand war insofern auch eine Pflicht. Bis die Junta kam und alles zerstörte.« [Aus:  »Wogegen müssen wir revoltieren, Herr Theodorakis?« Hansgeorg Hermann im Gespräch mit Mikis Theodorakis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 90, 18. April 2009, S. Z6.]

Mikis Theodorakis wurde am 29. Juli 1925 auf der griechischen Insel Chios geboren. 1941–44 lebte er im Widerstand gegen die deutschen, italienischen und bulgarischen Besatzungstruppen. 1944–45 kämpfte er als Mitglied der Nationalen Befreiungsfront in den Reihen der Griechischen Volksbefreiungsarmee. Als Kommunist hatte er in den folgenden Jahren Verfolgung, Deportation, Internierung und Folter zu erleiden. Sein Leben 1925–49 erzählt der autobiographische Text »Die Wege des Erzengels«, in deutscher Übersetzung von Asteris Kutulas (* 1960) zuletzt wieder 1998 im Suhrkamp Taschenbuch Verlag erschienen; der autobiographische Bericht über die Jahre 1949–52 erschien, übersetzt von Asteris und Ina Kutulas (* 1965), unter dem Titel »Bis er wieder tanzt« 2001 im Insel-Verlag Frankfurt/M. Seit den 1950er Jahren feierte Theodorakis als Komponist international Erfolge. Seine »Suite Nr. 1 für Klavier und Orchester« wurde 1957 in Moskau durch eine von Dimitri Schostakowitsch und Hanns Eisler geleitete Jury mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Dem breiten Publikum bekannt wurde er vor allem durch seine Filmmusiken, darunter als berühmteste die zu »Alexis Zorbas« (1964) oder die zu »Z« (1969), einem Klassiker des politisch-engagierten Films über die Ermordung des Sozialisten Grigoris Lambrakis (* 1912) in Saloniki am 22. Mai 1963. Zu seinen bekanntesten Werken gehört außerdem der 1964 auf LP veröffentlichte Liederzyklus »Mauthausen« auf Gedichte von Iacovos Kambanellis (1921‒2011), die die von Theodorakis entdeckte Sängerin Maria Farantouri (* 1947) interpretierte. 1967 erschien in der Reihe »Poesiealbum« ein Sonderheft mit Gedichten und Noten von Theodorakis (Verlag Neues Leben, Berlin). 1970–74 lebte Theodorakis im französischen Exil, wo unter anderem das Oratorium »Canto General« nach dem gleichnamigen Werk von Pablo Neruda (1904–1973) entstand. Seine erste Oper »Die Metamorphosen des Dionysos« (1985) ist dem griechischen Lyriker Kostas Karyoatakis (1896‒1928) gewidmet (das Libretto erschien übersetzt von Asteris Kutulas mit neun Collagen und einem Text von Ina Kutulas im Romiosini Verlag, Köln 1995), seine letzte Oper »Lysistrata« erschien 2001.

Für sein musikalisches und politisches Engagement erhielt er 2005 den IMC-UNESCO-Musikpreis und die Ehrenmitgliedschaft der Europäischen Linkspartei. Arthur Miller (1915–2005) meinte: »Mikis Theodorakis ist ein unglaublicher Mann, der in Griechenland einen lebenslangen Kampf für die Musik geführt hat, und zugleich für die Freiheit, die evidenterweise diese Musik begleiten muss. Ich bezweifle, ob es ein anderes Leben gegeben hat, das so stark die Zusammenhänge zwischen revolutionärer Kunst und politischer Freiheit aufzeigt.« ‒ Mikis Theodorakis starb 96-jährig am 2. September 2021 in Athen.

Arnd Beise (2009, revidiert 2021)

Foto von Mikis Theodorakis (1971): Heinrich Klaffs, CC-BY-SA-2.0