Der Chronist der „Weltkomödie“ und seine Beziehungen zu Peter Weiss

In memoriam Christoph Meckel

Wie Peter Weiss hat auch Christoph Meckel sowohl als Autor wie auch als bildender Künstler gearbeitet. Beide kannten und schätzten sich. Während aber Weiss nach seiner Phase als Bildkünstler nicht mehr schrieb, hat Meckel beides stets parallel betrieben.

In meiner Zeit als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn hatte ich die Chance, eine Ausstellung zu Meckels „Weltkomödie“ zeigen zu können.  Im Zentrum stand seine Radierung „Der kranke Engel“ von 1985. Eine Hommage an den bekannten finnischen Maler Hugo Simberg und dessen Gemälde „Der verwundete Engel“ von 1903, das in Finnland zum nationalen Identifikationsbild wurde.  Im Gespräch verwies Meckel auf freundlich-heitere Weise darauf, dass er sich selbst stark mit beiden Bildern identifiziere, gab aber ähnlich wie Simberg keine Hinweise zur Interpretation. Aus seinem umfangreichen Werk als Autor und bildender Künstler kann man aber schließen, dass sein Engel als Symbol für die Gefährdung dieser Welt und der Menschen angesehen werden kann. Im Zeichen der aktuellen Corona-Krise drängen sich dazu besonders viele Assoziationen auf.

Sein Hauptwerk „Weltkomödie“ begann Meckel 1957 und schloss es 2011 mit ca. 2000 Zeichnungen, publiziert in zwei Bänden, ab. Schon der Titel und der  Einsatz surrealistischer Elemente erinnern an das Projekt des „Großen Welttheaters“ von Peter Weiss. Meckel beschrieb seine Position zu diesem Werk u.a. in seinem „Bericht zur Entstehung einer Weltkomödie“ mit den Worten: „Ich zeichne den Himmel des 20. Jahrhunderts. Er ist ein zerstörter Raum, ein technischer Limbo [Ort der Vorhölle], Schauplatz von Macht und Zerstörung aller Art, Kloake des Erdballs. Abgas, Giftwolke, Schliere und Qualm. Rakete, Flugkörper, Bombe und Explosion. Aber die Weite und der große Wind, Weltlicht, worin meine Jugend für immer reich war. Raumjubel, Licht, Revolte des Lebensgefühls.“ (S. 113/114)

Meckel hat zumeist von seiner Geburtsstadt Berlin aus das Chaos und die Politik dieser Welt erfahren. 1957, das Jahr des Beginns der Arbeit an der Weltkomödie, war das Jahr, in dem u.a. die Anerkennung der DDR durch Jugoslawien die BRD dazu veranlasste, die diplomatischen Beziehungen zu Jugoslawien abzubrechen. Die Teilung der Welt, der Kalte Krieg, ließen sich – so schreibt Meckel – am schärfsten von Berlin aus beobachten, wo die östliche und westliche Perspektive der Weltwahrnehmung ständig präsent war.

Meckel erkennt schon von Berlin aus das Dilemma der Dritten Welt, die scheinbare Befreiung im Prozess der Dekolonialisierung und die umso heftigere Inbesitznahme dieser Welt durch die neuen Formen des Welthandels. Später erfährt er diese Phänomene vor Ort, reist durch Afrika, Asien, Lateinamerika und Australien, beobachtet die tiefen Einschnitte in die Ursprünglichkeit der Schöpfung. Im Gegensatz zu Peter Weiss setzt er sich dabei dem Alltag der Menschen dort aus und verzichtet in seinen schriftstellerischen Zeugnissen auf parteipolitische Positionen.

Zu den weiteren Gemeinsamkeiten der beiden Autoren gehört die tiefgreifende Auseinandersetzung mit ihren Eltern. Meckel hat seinen „Abschied von den Eltern“ in zwei bemerkenswerten Publikationen geleistet. „Suchbild. Über meinen Vater“ (1980) und „Suchbild: meine Mutter“ (2002). Es ging um die Rolle des Vaters im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, um die Kälte der Mutter in den familiären Beziehungen.

Auch privat haben die beiden sich gekannt und geschätzt. Weiss war zu Gast in Meckels Domizil in Rémuzat/Drôme im ländlichen Südfrankreich und suchte von dort aus kurz vor seinem Tod im Jahr 1982 eine Wohnung in Berlin. Nun ist Christoph Meckel am 29. Januar 2020 in Freiburg i.B., wo er als Jugendlicher gelebt hat, gestorben.

Rüdiger Sareika