Ein Leben in Frohburg

Nachruf auf Guntram Vesper (1941 - 2020)

Im Frühjahr 2016 wurde der Leipziger Buchpreis überraschenderweise dem tausendseitigen Roman „Frohburg“ von Guntram Vesper zugesprochen. Mit ihm tauchte ein Autor aus der Versenkung auf, der in diesem Werk nochmals seine drei gewichtigen Lebensfragen stellte: In welcher Welt leben wir? Was wollen wir? Wer sind wir?

Guntram Vesper hatte sie, ohne Fragezeichen, schon 37 Jahre zuvor im Erzählband „Nördlich der Liebe und südlich des Hasses“ formuliert – und seither immer wieder in allen möglichen Formen variiert. In diesen drei Fragen steckt der Stoff für sein vielteiliges Werk, das Gedichte, Prosa und Hörspiele umfasst, und das sich, wie schon das 1980 erschienene Gedicht „Frohburg“ (im Band „Die Illusion des Unglücks“), im gleichnamigen Städtchen abspielt. Frohburg ist für Guntram Vesper Geburtsort, poetischer Kristallisationspunkt und historisch-soziales Universum in einem.

Seinen drei Fragen ist er zeitlebens mit bewundernswerter Hartnäckigkeit nachgegangen. Immer wieder geht es ihm darum: “Wissen wollen, wer man ist. Es sagen wollen.“ Dafür ist er hinabgestiegen in die geheimen Geschichten und in die verdrängte Geschichte, denn gerade diese sind es, notierte er einmal, „was entdeckt und ans Licht gehoben werden muss, wenn wir wissen wollen, wer wir sind”.

Das abschließende Opus magnum „Frohburg“ bündelt, vergleichbar der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, alle diese Lebensfragen in einer letzten großen Erzählung und verknüpft sie in einer Textur des unendlichen Verzweigens und Verflechtens. Der Ort Frohburg faltet sich zu einem Erzählkosmos aus, der mehrere Kristallisationskerne und „Verwüstungszonen“ umfasst, in denen sich die Welt als Großes und Ganzes wiederfindet. Mit einer Fabulierlust, die kein Innehalten und Atemholen kennt, entwirft Vesper ein breites Simultanbild, in dem sich die Sphäre der Politik und der dörfliche Tratsch munter miteinander verquicken. Er berichtet Anekdoten aus der eigenen Familiengeschichte, in der sich die periodischen Verwerfungen und Umbrüche spiegeln. Die Bewohner Frohburgs überstanden, sich wandelnd und wendend, alle historischen Umwälzungen – oder sie verschwanden in Bautzen und im Ausland, je nachdem. Es geht immer ums Überstehen, um Flucht und Vertreibung. Die Grenzen zwischen braun und rot wurden streng gezogen und blieben zugleich höchst diffus. Manch einer machte zweimal Karriere, während andere unbescholten in Haft kamen. Schuld oder Unschuld – wer wusste schon, was wann Gültigkeit besaß. Alles hängt in diesem Erzählwerk mit allem zusammen, was es nicht leicht macht, wie der Erzähler seinem Vater in den Mund legt, „aus dem unendlich breiten Strom der Ereignisse Einzelnes herauszulösen und mit Worten nachzuzeichnen und weiterzugeben“, denn „das ist kinderleicht nur dann, wenn man zu kurz zielt“. Guntram Vesper aber zielt ins Weite, wenn er den eng verwobenen Knäuel von Gehörtem und Erlebtem entwirrt und dabei immer wieder listig der Gefahr entgeht, „den Faden zu verlieren“.

Der Vergleich mit der „Ästhetik des Widerstands“ ist bereits angeklungen. Wie Peter Weiss bändigt auch Guntram Vesper sein sich verästelndes Erzählgefüge in einer kompakten Struktur, die sich formal in seitenlangen, absatzlosen Textblöcken ausdrückt. Auch „Frohburg“ beleuchtet die Konflikte zwischen Individuum und Gesellschaft mit Blick auf Widerstand und Befreiung. Allerdings erzählt Guntram Vesper farbiger, quirliger als Weiss. Sein Versuch, die Totalität prosaisch zu fassen, folgt weniger einer dialektischen Erzählstruktur in die Tiefe (wie bei Weiss) als der unbändigen Lust an Einzelheiten, Verstrickungen und Anekdoten. Gemeinsam ist beiden Autoren freilich die Anforderung, die sie an ihre Leser und Leserinnen stellen. Der erzählerische Reichtum ließe eine gestaffelte Lektüre angenehm erscheinen, doch diesem Wunsch widerstreben die formale Strenge und der komplexe Stoff ihrer Werke. Wer immer sich in eines von beiden vertieft, hat für sich diesen Widerspruch zu lösen. Das ist der Preis für eine Literatur, die in sich ruht und nicht voreilig auf ihr Lesepublikum schielt. Solches Beharrungsvermögen beweisen Peter Weiss wie Guntram Vesper, sie hinterlassen damit zwei der erstaunlichsten Werke der deutschen Gegenwartsliteratur.

In seinem Gedicht „Geronimo“ im erwähnten Band „Die Illusion des Unglücks“ heißt es abschließend:

„Nur die restlos reinen Gefühle

hinterlassen

keine Erinnerung.“

Möge uns Guntram Vesper mit seinen Werken im Gedächtnis bleiben.

Beat Mazenauer