Hinweise 2019

Otobong Nkanga erhält den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum

Die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga erhält den mit 15 000 Euro dotierten Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum. In einer Mitteilung hob die Jury hervor, die 1974 geborene Fotografin, Performerin, Plastikerin und Autorin begreife ihre künstlerisch-anthropologischen Studien als den ganzen Menschen umfassende, konkrete Untersuchungen. Der Preis wird am Sonntag, dem 15. Dezember 2019 im Kunstmuseum Bochum verliehen.

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Medienberichte zur Preisverleihung

Ebenfalls am 15. Dezember 2019 findet im Kunstmuseum Bochum die Mitgliederversammlung 2019 der IPWG statt. Folgende Einladung wurde den Mitgliedern zugestellt:

Liebe Mitglieder der IPWG!

Die IPWG trifft sich zur Jahresmitgliederversammlung am Sonntag, dem 15. Dezember 2019 von 10.15 Uhr bis 11.45 Uhr im Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147, 44787 Bochum.

Im Anschluss an die Mitgliederversammlung besuchen wir um 14.00 Uhr am selben Ort die Verleihung des Peter-Weiss-Preises der Stadt Bochum 2019 an die in Antwerpen ansässige Künstlerin Otobong Nkanga.

Die 1974 in Nigeria geborene Fotografin, Performerin, Plastikerin und Autorin begreife ihre künstlerisch-anthropologischen Studien als den ganzen Menschen umfassende, konkrete Untersuchungen, heißt es zur Entscheidung der Jury. Die Künstlerin stellte u. a. in der Londoner Tate Modern aus, im KW Institute (Berlin), dem Stedelijk Museum Amsterdam und nahm an der documenta 14, den Biennalen von Venedig, Sharjah und Sydney teil.

Als Tagesordnung der Mitgliederversammlung wird vorgeschlagen:

TOP 1: Feststellung der Tagesordnung

TOP 2: Protokoll

TOP 3: Bericht des Vorstands, des Rechnungsprüfers und weiterer Mitglieder

TOP 4: Aussprache

TOP 5: Zukünftige Aktivitäten der IPWG

TOP 6: Überarbeitung des Geschäftsverteilungsplans

TOP 7: Verschiedenes

[...] Fragen und Anregungen bitte an den Vorsitzenden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Mit herzlichen Grüssen

Prof. Dr. Arnd Beise

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F.A.Z. erinnert an Bernd Naumanns Prozessberichterstattung

Aus Anlass ihres 70-jährigen Bestehens erinnert die F.A.Z. an Bernd Naumanns ausführliche Berichterstattung vom ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess im Ressort „Deutschland und die Welt“. Peter Weiss orientierte sich bei der Arbeit an seinem Theaterstück „Die Ermittlung“, im Herbst 1965 uraufgeführt, auch an Naumanns Prozessberichten.

F.A.Z., 1.11.2019

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Ein Automat, zwei Veranstaltungen. „Die Ästhetik des Widerstands“

Das selbstverwaltete Stadtteilzentrum Gasparitsch in Stuttgart-Ost zeigt im Oktober 2019 den Spielautomaten «Wider die Gespenster», der sich auf Peter Weiss bezieht und vom Künstler Peter Schmidt gebaut wurde.

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„Marat/Sade“ beim Greizer Theaterherbst

Beim Greizer Theaterherbst in Thüringen wurde im Rahmen der von Georg Peetz geleiteten Schauspielwerkstatt im September 2019 Peter Weiss’ geschichtsphilosophisches Drama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ aufgeführt.

Medienberichte

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„Die Ästhetik des Widerstands“. Ein Wochenende mit Pop-up-Ausstellung, Workshops und Filmscreenings

Das Wochenende über «Die Ästhetik des Widerstands» mit Pop-up-Ausstellung, Workshops und Filmscreenings in der Kunsthalle Darmstadt nimmt den gleichnamigen Weiss'schen Roman zum Ausgangspunkt, um in unterschiedlichen Formaten nach dem Verhältnis von Politik und Ästhetik zu fragen. Inhaltlich knüpfen die Veranstaltungen damit an die Ausstellung «Helmpflicht» an, die über das Thema der Baustelle auch die Lage der «arbeitenden Klasse» aus der Perspektive zeitgenössischer KünstlerInnen beleuchtet.

Peter Weiss (1916-1982) veröffentlichte 1975, 1978 und 1981 jeweils einen Band seines monumentalen Romans «Die Ästhetik des Widerstands». Im Zentrum der Trilogie steht die Frage nach der politischen Sprengkraft von Bildung und insbesondere auch von Kunst und Kultur.

Ein historischer Bezugspunkt für das Programm ist neben Peter Weiss die im Roman ausführlich behandelte Person Willi Münzenbergs und die von ihm in den 1920er-Jahren herausgegebene «Arbeiter-Illustrierte-Zeitung» (AIZ). Originalausgaben der AIZ sind an diesem Wochenende im Studio West der Kunsthalle zu sehen.

Zwei Workshops am Samstag und Sonntag bieten Gelegenheit sowohl den Roman von Peter Weiss als auch die verlegerische Praxis von Willi Münzenberg kennenzulernen. Gemeinsam mit Julian Volz, Politikwissenschaftler und Kurator des Wochenendes zur «Ästhetik des Widerstands», werden Passagen aus ihren Werken besprochen und diskutiert. Die Teilnahme an den Workshops ist kostenfrei. Es werden keine Vorkenntnisse vorausgesetzt.

Um verbindliche Anmeldung wird gebeten bis zum 02.09.19: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Kunsthalle Darmstadt, 6. bis 8. September 2019

Eintritt zu den Veranstaltungen inkl. Ausstellung 5 €, ermäßigt 3 €. Inhaber eines Festivaltickets «Den Bogen spannen - 100 Jahre Darmstädter Sezession» haben freien Eintritt.

Ein Interview mit den Veranstaltern und Kuratoren des Wochenendes mit Pop-up-Ausstellung enthält Ausgabe 50 der „Notizblätter“ der IPWG.

Nähere Informationen einschließlich Programm

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„Marat/Sade“ am Schauspielhaus Bochum

Die freie Gruppe Monster Truck inszeniert Peter Weiss‘ Marat/Sade am Schauspielhaus Bochum. Die Gruppe untersucht mit dem Drama den schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Vernunft. Nach der Premiere baut sie ein Narrenschiff auf dem Vorplatz des Theaters, das auf einem einwöchigen Fußweg von Bochum nach Gent transportiert wird. Die Koproduktion mit Monster Truck und dem NTGent feiert am 29. Juni 2019 Premiere in den Kammerspielen.

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Medienberichte

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Oliver Frljić zeigt „Imaginary Europe“

Oliver Frljić zeigt mit dem neu gegründeten Europa Ensemble sein Stück „Imaginary Europe“. Der gesprochene Text auf der Bühne besteht zu einem erheblichen Teil aus Auszügen von Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstands“.

Medienberichte

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Vernissage: Gunilla Palmstierna-Weiss

Am Samstag, dem 30. März 2019 wird im Moderna Museet, Exercisplan 4, 111 49 Stockholm, zwischen 15:00 und 18:00 Uhr die Ausstellung „Gunilla Palmstierna-Weiss. Gezeichnete Szenen 1964–1984“ eröffnet. In der Ausstellung wird ein Ausschnitt aus der umfangreichen künstlerischen Produktion von Gunilla Palmstierna-Weiss aus dem Zeitraum von 1964 bis 1984 gezeigt, darunter Zeichnungen, Collagen, Modelle und Keramikobjekte.

Gunilla Palmstierna-Weiss, Jahrgang 1928, arbeitete an der Schnittstelle von Szenografie und bildender Kunst. Die Künstlerin war und ist Teil einer internationalen Szene intellektuell und politisch engagierter Künstlerinnen und Künstler. Zu Beginn der Vernissage am 30. März 2018 wird es u. a. um 15.30 Uhr ein Gespräch zwischen der Künstlerin Gunilla Palmstierna-Weiss und den Kuratorinnen der Ausstellung, Asrin Haidari und Emily Fahlén, geben.

Die Ausstellung ist bis zum 29. September 2019 zu sehen.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

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Gunilla Palmstierna-Weiss. Die IPWG grüßt herzlichst zum Geburtstag und zur neuen Ausstellung

Anlässe, Gunilla Palmstierna-Weiss zu feiern, gibt es zur Genüge: Am 28. März 2019 beging sie ihren 91. Geburtstag, und wenn die vor­lie­gen­den Blätter ihre Leserinnen und Leser erreichen, wird eine Aus­stellung über ihr Werk im Stockholmer Mo­derna Museet eröffnet wor­den sein: „Gunilla Palmstierna-Weiss. Teck­nade Scener 1964-84“, ku­ratiert von Emily Fah­lén und Asrin Haidari, zu se­hen bis zum 29. September 2019. Der Titel „Teck­nade Scener“ kann wahlweise als „gezeichnete Sze­nen“ oder „gezeichnete Bühnen“ übersetzt wer­den, und in genau diesem Spannungsfeld bewegen sich die Exponate: Im Medium bühnen- und kos­tüm­­bildnerischer Arbeiten, in Skizzen, Zeich­nun­gen und Modellen, werden Situationen und Kon­stellationen zwischen Szene und Bühne lebendig.

Palmstierna-Weiss wurde im Jahr 1928 als Kind schwe­discher Eltern in Lausanne ge­bo­ren. Große Tei­le der 1930er und 40er Jahre ver­brachte sie mit ih­rem Bruder und ihrer Mut­ter, die Ärztin aus einer jü­dischen Buch­druckerfamilie und Schülerin Sig­mund Freuds war, im Versteck in Rotterdam und Ber­lin. Gegen Ende des zweiten Weltkriegs, nach­dem sie Deportationen gesehen und  Bombardie­rungen überlebt hatte, gelang ihr die Flucht nach Schweden. In den Nachkriegsjahren studierte sie Kunst in Amsterdam, Paris und Stockholm. Als sie Pe­ter Weiss im Jahr 1952 kennenlernte, war sie ei­ne etablierte Keramikerin und Il­lus­tra­torin, deren vi­­suelle Sprache an den Tra­di­tio­nen der nie­der­län­dischen De Stijl-Ästhetik so­wie am Bauhaus-Pro­gramm geschult war. Sie gehörte zu den Kreisen des schwedischen sozialistischen Clarté-Verbands; in gleichem Maße wie Peter Weiss und unabhängig von ihm war sie Teil jener Zirkel, in denen nicht nur die künstlerische Avantgarde sondern auch The­orierichtungen wie Psychoanalyse, Exis­ten­zi­alis­mus und Marxismus rezipiert wurden.

Auch wer einiges hiervon längst wusste, muss beim Le­sen ihrer 2014 auf Schwedisch erschie­ne­nen Bio­grafie „Minnets Spelplats“ (dt. Schauplatz der Erinnerung) über die schiere Vielfalt der ent­sprechenden Netzwerke und Kon­stellationen stau­nen. Das Buch ist ge­glie­dert nach Portraits teils in Ver­gessenheit, teils zu Ruhm geratener Personen und Situationen und liest sich wie eine Archäologie der sozio­kul­turellen Geschichte Schwedens und Eu­­ropas. Im Zentrum steht zu Beginn des Buches die turbulente und brüchige Fa­milien­geschich­te bei­der Eltern, väterlicherseits adlig und in Politik und Diplomatie etabliert, mütter­licher­seits jüdisch-kaufmännisch.

Mit Peter Weiss war die Autorin von 1964 bis zu sei­nem Tod im Jahr 1982 verheiratet, ihre Au­to­bio­gra­fie eröffnet eine andere Perspektive auf das po­litische Engagement des Paares in den 1960er und 70er Jahren. Die Ironie und der Witz von Palm­stierna-Weiss verhält sich kon­tra­punktisch und er­gänzend zu dem ganz an­de­ren sprachlichen Tem­perament ihres Mannes. Die deskriptiven Qua­litäten des Buches sorgen für eine einprägsame Lek­türeerfahrung. Das Künstler­paar bereiste Nord­vietnam im Jahr 1968 und schrieb zu­sammen da­rüber, es be­ge­g­nete Personen wie Ru­di Dutschke, Ul­rike Mein­hof, Nguyen Thi Binh, Jean-Paul Sar­tre, Giséle Halimi, Alfonso Sastre, Anaïs Nin, John Cage und Fidel Castro.

In ihrer Autobiografie kombiniert Palmstierna-Weiss Geschichten über solche namhaften Per­so­nen mit dem Erzählen einer in Vergessenheit gera­tenen Welt: Zum Stau­nen regen die litera­rischen Portraits ein­zelner Men­schen an, deren Na­men und Schick­sale nicht in die Kultur­geschichtsschrei­bung ein­gingen – anders als etwa die ebenfalls be­handelten, späteren Pro­mi­nenten wie Pontus Hultén, Carlo und Ker­stin Derkert und Öyvind Fahlström. Die Putz­frau, die bei den Künstler­parties wild auf den Ti­­schen tanzte, der On­kel, der in den 50ern mit einem Mann in der Stockholmer Altstadt zu­sammenlebte, in Frauen­kleidung ausging, als Baby­sitter des Kin­des Mikael Sylwan ein­sprang und eines viel zu frühen Todes starb. Bis zur Publikation des Buches von Palm­stierna-Weiss war er ver­gessen worden, der Er­folg des Buches führte da­zu, dass er post­hum von der Stockholmer Schwulenszene ge­würdigt wurde.

Besonders faszinierend mit Blick auf die neue Aus­stellung ist an „Minnets Spelplats“ genau dies: Die nicht-etablierte Vorgeschichte des in­sti­tu­tionali­sier­ten Kulturlebens in Schweden, die Schilderung des Bohémelebens in den da­maligen Armenvierteln der Stockholmer Alt­stadt, und wie es mit der Zeit glei­tend überging in die international geprägten Kreise um das staatliche Museum für moderne Kunst, das im Jahr 1958 gegründet und in den 1960er Jahren zu weltweitem Ruhm geriet. Mit der Se­pa­rat­ausstel­lung über das Werk von Palmstierna-Weiss in den Räumlichkeiten ebendieses Mu­seums schließt sich somit ein Kreis.

Der Fokus der Stockholmer Ausstellung liegt auf dem Schaffen zwischen 1964 und 1984. Die avant­gardistische Prägung der Künstlerin macht sich ge­rade in ihrem bühnen­bild­nerischen Werk be­merk­bar, in der Gestaltung des Bühnenraums sowie in der Farbgebung. Hier kündigen die Kuratoren an, eine Kon­ti­nu­i­tät zwischen der Bauhaus-Ästhetik der Ke­ra­mik einerseits, und der Arbeit im Theater an­derer­seits aufzuzeigen. Im Jahr 1964 war Palm­stierna-Weiss für Kostüm und Bühnenbild bei der le­gendären Uraufführung von Marat/Sade am Ber­liner Schillertheater in der Regie Konrad Swi­nars­kis zuständig. Ihr Beitrag war bei weitem nicht nur illustratorisch; mit den Ergebnissen ihrer um­fangreichen Archiv­recherche in Paris trug sie auch kon­zeptuell zur Form des Stücks wie der In­sze­nie­rung bei. Auch durch die Zusammenarbeit mit Re­gis­­seuren wie Peter Brook, Fritz Kortner und vor al­lem Ingmar Bergman avancierte Palmstierna-Weiss zu einer der bedeutendsten Bühnen­bild­nerinnen des 20. Jahrhunderts.

In ihrer Aus­stel­lungs­ankündigung artikulieren die Ku­ratoren eine He­rangehensweise, die die be­sondere Stellung der Bühnen­bildnerin im künst­lerischen Produktions­prozess hervorhebt: Der Beruf verlangt einerseits Teilnahme an ei­nem Kollektiv, an Verhandlungen so­wie For­men intellektueller Zusammenarbeit. Die aus­­gestellten Exponate sind hingegen im eher ge­schlossenen Raum individuellen künstlerischen Schaffens entstanden: Skizzen, Zeichnungen, archi­tek­tonische Bühnenmodelle und Collagen. Diese, so die Ankündigung, kommen mit der Ausstellung jen­seits des Theater­­zusammen­hangs als Kunst­werke zu ihrem Recht: „Von den ästhetischen Prin­zi­pien abgesehen, ver­fü­gen die Zeichnungen über zutiefst persönliche Qua­litäten, die in Form von Ab­surdismus, Wahn­sinn, Humor und Finsternis zum Aus­druck kommen. Im Rahmen einer vi­su­el­len Re­gie treten einzelne Charaktere durch Gri­mas­sen, Bewegungen und körperliche Ge­brechen her­vor, aber auch durch kollektive Si­tuationen, in de­nen die Körper in Menschen­ansammlungen, Ar­meen und Zu­sam­men­künften Räume erzeugen.“ (Quelle: Homepage des Museums)

Jenny Willner

GUNILLA PALMSTIERNA-WEISS. TECKNADE SCENER 1964–1984, kuratiert von Emily Fahlén und Asrin Haidari. 30.3–29.9.2019, Moderna Museet, Stockholm. www.modernamuseet.se/stockholm/en/exhibitions/gunilla-palmstierna-weiss/

GUNILLA PALMSTIERNA-WEISS. MINNETS SPELPLATS. Bonnier: Stockholm 2014, 392 S. Eine deutsche Übersetzung ist beim Berliner Verbrecher Verlag geplant.

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Ein Geschenk des Himmels. Manfred Haiduk zum 90. Geburtstag

„Ich denke, dass Manfred für Peter mehr war als ein Arbeitspartner – er war für ihn ein Geschenk des Himmels“, meinte Gunilla Palmstierna-Weiss einmal. Peter Weiss und seine Frau lernten Manfred Haiduk bei der Vorbereitung der ersten Weiss-Inszenierung in der DDR kennen: Marat/Sade in der Regie von Hanns Anselm Perten am Volkstheater Rostock. Am Vorabend von Haiduks 36. Geburtstag hatte die ostdeutsche Erst­auf­füh­rung Premiere. Unmerklich oder nur von Wenigen bemerkt, ging die Pre­mieren­feier in eine Geburts­tags­feier über.

Vielleicht ist diese Situation bezeichnend. Gefeiert wurde der Dichter, zu wenig der be­ra­ten­de Wissen­schaftler. Dieser Wissenschaftler aber war und ist wichtig. Für die damalige Inszenierung. Für die Dichtung. Für die Wis­sen­schaft. Viel Aufhebens hat er davon nicht ge­macht. Manfred Haiduk wur­de am 27. März 1929 als Sohn einer Schneider-Fa­milie in Breslau geboren und gegen Kriegsende vom „Dritten Reich“ noch als einer der Letzten aufgeboten, doch überlebte er eine schwere Ver­wun­dung und konnte in der SBZ und der DDR sich aus­bilden: ab 1946 Verwaltungslehre, berufs­be­glei­­tende Studienvorbereitung, 1950-1954 Stu­di­um der Germanistik, Geschichte und Psycho­lo­gie.

1958 promovierte Haiduk als wissen­schaftlicher Mit­arbeiter des Germanistischen Instituts der Universität Rostock über „Wesen und Sprache der polemischen Schriften Tho­mas Manns“. Haiduk war zu dieser Zeit als Assistent und Dozent am Germanistischen Institut tätig, und er überraschte manche Studierenden mit seiner antiautoritären, offenen und am gleich­be­rech­tig­ten Gespräch interessierten Haltung im Se­mi­nar, in der Lehre und bei Prüfungen. Der ehe­malige Germanistik­student Wolfgang Tram­pe hat dem Hochschullehrer Man­fred Haiduk übrigens in dem Roman „Ver­änderung der höheren Semester“ (1982) ein schö­nes Denkmal gesetzt.

Als junger Wissenschaftler engagierte sich Haiduk nicht nur in der Selbstverwaltung der Universität, als studentisches Mitglied des Se­nats zum Beispiel oder später als Prorektor für Stu­dien­ange­le­gen­heiten, sondern auch außer­halb der Akademie, zum Beispiel als „wissen­schaftlicher Berater“ im The­ater. In dieser Eigen­schaft half er, viele Stücke von Peter Weiss auf die Rostocker Volkstheaterbühne zu bringen: 1965 den bereits erwähnten Ma­rat/Sa­de zum Beispiel, 1965 Die Ermitt­lung, 1966 Nacht mit Gästen, 1967 den Lusi­ta­ni­schen Popanz, 1968 den Viet Nam Diskurs.

Haiduk hatte damit zu­gleich das Thema sei­ner Habilitations­schrift gefunden, die 1969 un­ter dem Titel „Der Dra­matiker Peter Weiss“ an­ge­nom­­men und ge­druckt wurde. Ge­druckt, aber zu­nächst nicht ausgelie­fert. Pe­ter Weiss hatte sich 1969 mit Trotzki im Exil bei der Poli­ti­ker­kaste der SED un­be­liebt ge­macht, was seinerzeit auch Folgen für die Ver­breitung des wissen­schaftlichen Schrift­tums über Weiss hatte. Das behinderte die Wirkung der ge­nann­ten Habili­ta­tions­­schrift, die Gunilla Palm­stierna-Weiss noch 40 Jahre später für „das Beste, was je über Peter als Dramatiker ge­schrieben wurde“, bezeich­ne­te. Erst 1973 wur­de das Buch ausgeliefert. 1977 erschien ei­ne zwei­te, erweiterte und über­arbeitete Auflage, die dann aber ein Vade­me­cum junger Weiss-For­scher wurde.

Haiduk hatte 1968 die Hochschule aus Frustration über die sogenannte Dritte Hoch­schulreform verlassen. Die Bildungspolitiker der DDR wollten damit die „Verbindung von Theorie und Praxis“ be­för­dern, was im Klar­text hieß: die Autonomie der Hoch­schulen ein­schrän­ken und ihre Arbeit stärker an die öko­no­mische Verwertbarkeit binden, was in man­cherlei Hinsicht an gegenwärtige Hochschul­refor­men erinnert. Viele Wissenschaftler in der DDR hielten damals diese Reform für wissen­schaftsfremd und erkenntnis­behin­dernd, so auch Hai­duk, der das Angebot nutzte, auf den Posten des Di­rektors des Ostseestudios des Deutschen Fern­seh­funks zu wechseln. Doch als eingefleischter For­scher und Lehrer kehrte er nach vier Jahren an die Universität zurück, dies­mal als Professor für Kul­tur­theorie und Ästhe­tik.

Dem Werk von Peter Weiss und dem Theater blieb Haiduk treu. Bei der Inszenierung des Hölderlin 1973 gab es Spannungen mit Perten, so dass sich Haiduk zu Gunsten des Rostocker Kollegen Hans Joachim Bernhard aus der Theaterarbeit vorübergehend zurückzog; doch beim „Prozeß“ 1978 war er wieder mit dabei. Zugleich gab Haiduk verschiedene Editionen von Weiss-Texten heraus: „Stücke“ (1977), Der Prozeß und die „Strindberg-Über­setzun­gen“ sowie ausgewählte „Schriften zu Kunst und Literatur“ (1979).

Vor allem aber begleitete er intensiv die Entstehung der Ästhetik des Widerstands. Dies ver­dankte sich vor allem der Tatsache, dass aus der Bekanntschaft mit Weiss eine Freundschaft ge­worden war. Der 2010 publizierte Brief­wechsel zwischen Haiduk und Weiss do­ku­men­tiert das eindrucksvoll. Trotz des ver­trau­li­chen Umgangs zwischen beiden spielte in ihren Briefen und Diskussionen „Privates“ kaum eine Rolle. Zwar eröffnete Haiduk den Brief­wechsel 1965 mit einem Glückwunsch zu Weiss’ Ge­burtstag, doch erst 1977 verriet er aus sachlichen Grün­den (es ging um das Visum für eine Reise nach Schweden) dem Freund in Stockholm sein ei­ge­nes Geburtsdatum. So ist dieser Briefwechsel nicht zuletzt ein Ar­beits­journal, das die Notiz­bücher wesentlich ergänzt. Im März und April 1982 trafen sich Haiduk und Weiss bei der Pre­miere des Neuen Pro­zesses und zur Vorbereitung der Berliner Aus­ga­be der Ästhetik des Widerstands die letzten Ma­le in Stockholm und Berlin. Für die Weiss-Forschung erwarb sich Haiduk unschätzbare Ver­dienste, weil es ihm gelungen war, die Publikation der Ästhetik in der DDR durch­zu­set­zen, und zwar in der „Fassung letzter Hand“, die vie­le Eingriffe des Lektorats in der Suhr­kamp-Ausgabe korrigierte.

Das Er­schei­nen der von Weiss so sehr ersehnten ost­deutschen Ausgabe 1983 so­wie in zweiter Auf­lage 1987 erlebte Weiss freilich nicht mehr. Auch nicht, dass es dann noch einmal rund 30 Jahre dauerte, bis dieser Text 2016 zur Grund­­lage der neuen Berliner Ausgabe und aller künf­tigen Forschungen wurde. Auch nach seiner Emeritierung 1989 blieb Hai­duk für Peter Weiss-Forscher ein wichtiger und hilf­reicher Ansprech­partner. Seine Weiss-Samm­lung steht seit 2002 der Öffentlichkeit im Archiv der Berliner Akademie der Künste zur Verfügung. Seit rund zwanzig Jah­ren ist er Ehrenmitglied der Internationalen Peter Weiss-Gesellschaft, die ihm heuer zu seinem 90. Ge­­burtstag herzlich gratuliert. Am Ende des Grußes zu seinem 80. Geburtstag hieß es: Wir hof­fen, noch lange im Gespräch mit Manfred Haiduk blei­ben zu können, dem nicht nur Peter Weiss manche wichtige Einsicht verdankte, sondern der sei­nerseits nicht müde wird, uns diesen Autor zu empfehlen als „Seismographen und Wahrheits­sucher“, der uns erlaube, „eigene Er­fahrungen auf das Werk zu beziehen und neue Antworten auf be­drän­gende Fragen in ei­ner sich verändernden Welt zu suchen und zu fin­den“, auch wenn es „schwierig ge­worden“ sei, „in diesen Zeiten festzuhalten“ an der „Ar­beitshypothese Optimismus“. – Im Namen der IPWG wünsche ich alles Gute.

Arnd Beise

Literaturhinweise

Eine Bibliographie der „Veröffentlichungen von Manfred Haiduk zu Peter Weiss“ und drei Texte aus der Sammlung Manfred Haiduk im PWA sind enthalten in dem Briefwechsel, 2010, S. 249–285.

Peter Weiss’ Drama Die Verfolgung und Ermor­dung Jean Paul Marats.... In: Weimarer Beiträge 12 (1966), H. 1, S. 81–104; H. 2, S. 186–209.

Der Dramatiker Peter Weiss. Berlin: Henschel 1969; 2., erweiterte und überarbeitete Auflage 1977.

Zur Brechtrezeption im dramatischen Werk von Peter Weiss. In: Német Filológiai Tanulmányok 9 (1975), S. 27–41.

Peter Weiss und der Film. In: Prisma. Kino- und Fern­sehalmanach. Hg. von Horst Knietzsch. Bd. 7. Berlin 1976, S. 199–216.

Peter Weiss. In: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hg. von Hans-Günther Thalheim u.a. Bd. 11: Literatur der DDR. Berlin: Volk und Wissen 1976. S. 648-651.

Summa. Zur Stellung der Ästhetik des Widerstands im Werk von Peter Weiss. In: Die Ästhetik des Wi­derstands lesen. Hg. von Karl-Heinz Götze / Klaus R. Scherpe. Berlin: Argument 1981, S. 41–56; wie­der in: Peter Weiss. Hg. von Rainer Gerlach. Frank­furt a.M.: Suhrkamp 1984, S. 307-322.

Peter Weiss. In: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hg. von Hans-Günther Thalheim u.a. Bd. 12: Literatur der BRD. Berlin: Volk und Wissen 1983, S. 362–368.

Dokument oder Fiktion. Zur autobiographischen Grund­lage in Peter Weiss’ Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands. In: Die Ästhetik des Widerstands. Hg. von Alexander Stephan. Frank­furt a.M.: Suhrkamp 1983, S. 59-78.

Faschismuskritik als Imperialismuskritik im Werk von Peter Weiss. In: Antifaschismus in deutscher und skandinavischer Literatur. Akten eines Li­te­ratur­symposiums der DDR und Dänemarks. Hg. von Jens Peter Lund Nielsen. Aarhus: Arkona 1983, S. 131–140.

Identifikation und Distanz. Aspekte der Kafka-Re­zeption bei Peter Weiss. In: Weimarer Beiträge 30 (1984), H. 6, S. 916–925.

Peter Weiss’ Drama in zwei Akten Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats… In: Werk­interpretationen zur deutschen Literatur. Hg. von Horst Hartmann. Berlin: Volk und Welt 1986, S. 210–221.

Der dritte Band. Kompilation zur Editions­geschichte des dritten Bandes der Ästhetik des Widerstands. In: Ästhetik Revolte Widerstand. Zum literarischen Werk von Peter Weiss. Hg. von Jürgen Garbers u.a. Jena/Lüneburg: Zu Klampen 1990, S. 294–310.

Vom Turm zum Neuen Prozeß. In: Peter Weiss. Le­ben und Werk. Hg. von Gunilla Palmstierna-Weiss / Jürgen Schutte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991, S. 174–193.

Hoffnung einer „Vierten Welt?“. In: Widerstand wahrnehmen. Dokumente eines Dialogs mit Peter Weiss. Hg. von Jens-F. Dwars u.a. Köln: GNN 1993, S. 301–304.

Probleme der Peter-Weiss-Forschung in der DDR. In: Zur Geschichte wissenschaftlicher Arbeit im Norden der DDR 1945–1990. Hg. von Martin Guntau u.a. Rostock: RLS 2007, S. 131–136.

Zeitzeugenbericht [und] Die Ehrenpromotion, die nicht stattfand. In: Die Universität Rostock zwi­schen Sozialismus und Hochschulerneuerung. Hg. von Kersten Krüger. Bd. 3. Rostock: Universität 2009, S. 178–211.

Zur Biographie von Peter Weiss. Drei Miszellen. In: Peter Weiss Jahrbuch 25 (2016), S. 73–94.

Peter Weiss: Stücke. Berlin: Henschel 1977.

Peter Weiss: Aufsätze Journale Arbeitspunkte. Schriften zu Kunst und Literatur. Hg. von Manfred Haiduk. Berlin: Henschel 1979.

Peter Weiss: Der Prozeß (nach Kafka). Strindberg-Übersetzungen: Fräulein Julie, Traumspiel, Der Vater. Hg. von Manfred Haiduk. Berlin: Henschel 1979.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Hg. von Manfred Haiduk. 3 Bde. Berlin: Henschel 1983; 2. Aufl. 1987.

Peter Weiss / Manfred Haiduk: Diesseits und jen­seits der Grenze. Der Briefwechsel 1965–1982. Hg. von Rainer Gerlach und Jürgen Schutte. St. Ingbert: Röhrig 2010.

Wolfgang Trampe: Veränderung der höheren Se­mester. Roman. Berlin/Weimar: Aufbau 1982; 2. Aufl. 1986.

Dieter Nerius: Laudatio für Prof. Dr. sc. Phil. Man­fred Haiduk. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Rostock 38 (1989), H. 10, S. 4–5.

Rainer Koch / Martin Rector: Arbeitshypothese Optimismus: Gespräch mit Manfred Haiduk über Peter Weiss. In: Peter Weiss Jahrbuch 3 (1994), S. 42–75.

Wolfgang Grahl: Was macht eigentlich… Prof. Man­fred Haiduk? In: Norddeutsche neueste Nachrichten 56 (2001), Nr. 150, S. 21.

Arnd Beise: „Dr. Halbachs Methode“. Manfred Haiduk zum achtzigsten Geburtstag. In: Notiz­blätter. Mitteilungen der Internationalen Peter Weiss-Gesellschaft, Nr. 29, Februar 2009, S. 1–2.

Arnd Beise: Kunst und Wissenschaft im Dialog: Die Universität im Theater. Peter Weiss, Manfred Haiduk und das Volkstheater unter Hanns Anselm Perten. In: Positionen der Germanistik in der DDR. Personen – Forschungsfelder – Orga­nisa­tions­formen. Hg. von Jan Cölln / Franz-Josef Holznagel. Berlin/New York: De Gruyter 2013, S. 120–140.

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„Der Schatten des Körpers des Kutschers“ auf BR 2

Am Freitag, 22. März 2019, sendete Bayern 2 von 21:05 bis 22:30 Uhr in der Reihe hör!spiel!art.mix eine Hörfunkadaption von Peter Weiss‘ 1952 entstandenem Prosastück „Der Schatten des Körpers des Kutschers“. Mit Jochen Noch, Tobias Lelle, Paul Herwig, Volker Bruch und Nico Holonics; Komposition: zeitblom; Bearbeitung und Regie: Michael Farin; BR 2010.

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Bedingungslos im Engagement für interkulturelle Aufklärung und Reflexion. Laudatio auf Rüdiger Sareika

Die Internationale Peter Weiss-Gesellschaft (IPWG) gratuliert ihrem Vorstandsmitglied Dr. Rü­di­ger Sareika zu seinem 70. Geburtstag am 19. Februar 2019!

Rüdiger Sareika hat nach einem Studium der Literaturwissenschaft in Saarbrücken im Jahre 1980 eine bahnbrechende Dissertation zum The­ma „Die Dritte Welt in der westdeutschen Li­teratur der sechziger Jahre“ verfasst. Seit 1982 war Rüdiger Sareika Studienleiter an der Evan­gelischen Aka­de­mie Villigst und er hat neben zahlreichen Veran­sta­ltungen zu Peter Weiss und allgemein zu politisch-literarischen The­men den Bereich „Interkultur“ auf­­gebaut, in dem die Bedeutung interkultureller Frage­stellungen im Kontext von Literatur, Politik und Religion schon früh bearbeitet wurde.

Zwischen 1982 und 2014 hat Rüdiger Sareika eine große Anzahl von Tagungen durchgeführt, von de­nen unter anderem folgende aufgeführt seien:

- 31 Tagungen zur Literatur allgemein,

- 14 Lyrik-Tagungen zu Himmelfahrt,

- 31 Tagungen im Bereich Weltliteratur,

- 20 Leseseminare „Ästhetik und Widerstand“ im Anschluss an Peter Weiss,

- 8 Veranstaltungen zur Literatur Osteuropas,

- 8 Tagungen zum Thema „Krimi“ in Kooperation mit Jochen Vogt,

- 20 Veranstaltungen des Forums Kirche und Kultur,

- von 1998 bis 2010 Lesungen und Diskus­sions­foren bei der Leipziger Buchmesse: „Ästhetik und Widerstand“.

Die dürren Zahlen beschreiben ein Lebenswerk, eine Leistungsbilanz und ein kon­tinuierliches Engagement für eine Literatur, die selbst gesellschaftlich engagiert ist.

Zwei Schwerpunkte sind zu erkennen:

- Literatur und Interkulturalität mit einem be­son­deren Akzent auf der Begegnung mit außer­europäischen Kulturen,

-  die Perspektive „Ästhetik und Widerstand“, mit der im Sinne von Peter Weiss darauf ver­wie­sen wird, dass Kultur, Kunst und Literatur sich gegen Unterdrückung, ungerechte Herr­schaft und - ganz aktuell - gegen die Herrschaft von ökonomischen Denken, gegen eine nur den Banken und den Fi­nanz­unternehmen dienenden Globalisierung zur Wehr setzt.

Der Themenbereich „Ästhetik und Wider­stand“ ge­wann Impulse für kulturelle Arbeit aus Peter Weiss’ großem Roman Die Ästhetik des Widerstands, in dem neben anderen Konzepten die Idee vertreten wird, dass die Unterdrückten sich die Texte der Hoch­kultur aneignen sollen, um sich auf den höchs­ten Stand der Kultur zu bringen. Auch wenn mit Walter Benjamin zu betonen ist, dass es kein Werk der Kultur gibt, das nicht auch ein Werk der Barbarei ist, dass also die Verschränkung von Kul­tur und Herrschaft immer mit zu re­flektieren ist, so ist doch der Gedanke essen­tiell, dass die An­eignung aller Kulturgüter in ei­nem kritischen Zu­gang die Basis für eine Kul­tur der Befreiung dar­stellt. Über Peter Weiss hinaus ist die Akademie­arbeit Rüdiger Sareikas von der Überzeugung ge­prägt, dass eine zeitgemäße „Ästhetik des Wider­stands“ jede Form des Eurozentrismus überwinden und sich ohne Vorbedingungen den außer­euro­pä­ischen Kulturen öffnen muss – nicht unkritisch und devot, sondern auch bei diesem Zugang mit der Maxime, den Zusammenhang von Kul­tur und Bar­barei zu reflektieren und die Spuren der Erfahrung der Beherrschten in den kul­tu­rellen Erzeugnissen zu erkennen.

In diesem Sinn zeigt sich, dass eine reflek­tier­te, postkolonial belehrte Interkulturalität in ge­wisser Wei­se das Erbe einer widerständigen Ästhetik an­getreten hat. Die Akademiearbeit Rüdiger Sareikas zeigt, dass genau dies das kul­turelle Projekt unserer Tage sein könnte: die Reflexion darauf,

- dass Kultur und Literatur dadurch das Erbe einer widerständigen Ästhetik wachhalten;

- dass sie sich mit den Praktiken und Einsich­ten fremder Kulturen befassen;

- dass sie sich den Ideen einer homogenen „Leit­kultur“ widersetzen und die Impulse, die sich aus den Kulturen der Migrantinnen und Mi­granten ergeben, aufnehmen und als selbst­verständlichen Bestandteil unserer eigenen Kultur akzeptieren.

Schon in Rüdiger Sareikas Dissertation finden sich viele zukunftsweisende Perspektiven, die mit einer hellsichtigen Kritik an pro­ble­ma­tischen Aspekten des Engagements für die „Dritte Welt“ verbunden sind. Rüdiger Sareika stellte so bereits 1980 fest: Die Länder der „Dritten Welt“ wurden von ihren europäischen „Freunden „nicht aus sich selbst he­raus betrachtet, sondern zu einem pro­ble­matischen „Welt-Modell“ erklärt. Bei den „Modellen“ für die außereuropäischen Kul­turen fehlte die eigene Er­fahrung; Er­wartungen wurden auf das Fremde pro­jiziert. Die Dokumentarliteratur verharrte ten­denziell bei einem Objektivismus und Positivismus der Quellen; sie unterwarf sich der scheinbaren Ein­sinnigkeit der Dokumente und gelangte nicht zu einer differenzierten Analyse der Wirklichkeit.

Die Autoren projizierten eigene Erwartungen in die außereuropäischen Länder (vermeintlich ideale Kongruenz von politischer und poeti­scher Aktivität in Vietnam).

Es fand sich eine sehr klischeehafte Dar­stel­lung außereuropäischer Kulturen (so etwa in dem Lied „Fiesta Peruana“ des verdienstvol­len Franz Josef Degenhardt).

Als ein heute noch verdienstvoller Beitrag der antiimperialistischen Ideologiekritik erscheint die Kritik an konventionellen Darstel­lungs­mustern der Medien in Bezug auf außer­europäische Kulturen. Hans-Magnus Enzens­berger forderte eine Öff­nung der Li­tera­ten und Intellektuellen ge­gen­über den audio­visuellen Medien, um sich den Produkten der Kultur­industrie zu widersetzen.

Problematisch erscheint aus heutiger Sicht eine ei­genartige Faszination durch die revolutionäre Ge­walt; es zeigt sich eine Blindheit gegenüber dem Pro­blem der Fortdauer von Gewalt­strukturen in den Län­dern der „Dritten Welt“ nach der Befreiung. Man erkennt aus heutiger Sicht die verzerrte Re­zeption Frantz Fanons, der Gewalt in kon­kreten Si­tuationen postu­lierte. Voluntarismus und regressive Bewun­derung der Gewalt kennzeichnete die Sym­pathie vieler antiimperialistischer Linker: In der „Dritten Welt“ lösten sich Probleme scheinbar auf einfache Art; vermeintlich gerin­gere Komplexität wur­de als Vorteil gegenüber der eigenen Situation ge­sehen. Es erfolgte keine Differenzierung zwi­schen den verschiedenen Herrschaftsformen in der Geschichte; stattdessen gab es eine Identifizierung von Herrschaft in den In­dustrie­ländern und in den Ländern der sog. Dritten Welt.

Analogien von Kritik und Entwicklungs­hilfe

So lassen sich in der Retrospektive über­raschende Parallelen zwischen der linken Kri­tik und der „of­fiziellen“ Entwicklungshilfe erkennen: Eigene Be­dürf­nisse prägen un­reflek­tiert die Zuwendung zur frem­den Kultur. Von dieser Ausgangsposition aus und angeregt von den kirchlichen Solida­ri­täts­bewegungen, aber auch von den kultur­wissen­schaft­lichen Re­flexionen der postcolonial studies, hat Rüdiger Sareika dazu beigetragen, die Themen­bereiche „Interkulturalität“, „Solidarität mit außer­euro­päischen Kulturen“ und „Ästhetik des Wider­stands“ in neuen Synthesen weiter­zu­ent­wickeln. Dabei haben in den letzten Jah­ren Positionen an Einfluss gewonnen, die auch die religiösen und spi­rituellen Anliegen der außer­europäischen Kul­turen ernst nehmen. So ist ein religiöser Bezug der Kul­turarbeit entwickelt worden, der analog zu christ­lichen Be­frei­ungstheologien kulturelle Selbst­be­stim­­mung und Respekt vor religiösen Tradi­tio­nen verbindet.

Rüdiger Sareika hat sich lange Jahre im Vorstand der IPWG engagiert. Er hat mit seinen Aktivitäten in der Evangelischen Akademie Villigst Impulse für deren Arbeit geliefert und immer wieder die Aka­demie in Iserlohn (Haus Ortlohn) und Villigst als Orte für inspirierende Tagungen zur Verfügung gestellt. Mit seinen Ratschlägen und An­re­gun­gen hat er die Aktivitäten der Gesellschaft vor­bildlich unterstützt. Die IPWG dankt Rüdiger Sareika für seine jahrzehntelange Arbeit, freut sich auf seine weiteren Anregungen und Inter­ventionen und wünscht ihm für die kom­menden Jahre Enga­ge­ment, das Spaß macht, und Entspannung, die als Entsprechung eines oft hektischen und an­strengenden Arbeitslebens mehr als angemessen erscheint – und noch viele gute Jahre mit seiner Frau Irene.

Michael Hofmann

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45 Weiss-Bilder in Stockholm veräußert

Gunilla Palmstierna-Weiss hat Ende Januar 2019 eine umfangreiche Sammlung von Peter Weiss-Bildern veräußert. Die Auktion bei dem renommierten schwedischen Auktionshaus Bukowskis umfasste 49 Kunstwerke von den frühesten Ölgemälden Mitte der 1930er bis Ende der 1950er Jahre. Palmstierna-Weiss teilte mit, dass die bei dieser Auktion erzielten Einnahmen es ihr ermöglichen sollen, die wenigen Weiss-Kunstwerke zurückzukaufen, die seit dem Diebstahl des größten Teils des bildkünstlerischen Nachlasses von Peter Weiss bei einem Einbruch in einem Stockholmer Lager im Jahr 2008 wieder aufgetaucht seien.

In Zusammenhang mit der Auktion gab Palmstierna-Weiss im Januar 2019 an, dass der Verkauf der Bilder zugleich maßgeblich dazu beitrage, dass sich ein breiteres Publikum mit den Kunstwerken von Peter Weiss, die nun von einigen der bekanntesten schwedischen und internationalen Museen erworben worden seien, vertraut machen könne. Die Werke hätten einen historischen Wert sowohl für Institutionen als auch für Sammler, da Peter Weiss als Künstler und Autor national und international geschätzt wurde, sagte Palmstierna-Weiss. Nur auf vier Werke wurde kein Zuschlag erteilt. Die Auktion erzielte einen sechsstelligen Euro-Betrag. 

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„Hotel Auschwitz“

Von den Erlebnissen einer Bildungsfahrt nach Polen erzählt Regisseur Cornelius Schwalm in seiner Komödie „Hotel Auschwitz“. Der Film berichtet von einer deutschen Theatergruppe, die eigentlich an einer Inszenierung des Stücks Die Ermittlung von Peter Weiss arbeitet. Zu Recherchezwecken hat die Gruppe eine Exkursion an den Erinnerungsort der nationalsozialistischen Judenvernichtung angesetzt.

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Ausstellung „Die einzig revolutionäre Kraft. Kunst und Revolution 1918 und 1968“

Zur Finissage der Ausstellung „Die einzig revolutionäre Kraft. Kunst und Revolution 1918 und 1968“ am 13. Januar 2019 um 15 Uhr lädt ABG-Net.de zu einer letzten Führung durch die Ausstellung in das Lindenau-Museum Altenburg ein. Daran wird sich ein Gespräch mit der Germanistin Dr. Christa Grimm über den Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss anschließen, der in der Ausstellung auf besondere Weise präsentiert wird. Aufgrund der positiven Publikumsresonanz wird die Ausstellung zudem eine Woche bis zum 20. Januar 2019 länger gezeigt.

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Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands. Lesenächte der Fachschaft AVL München

Peter Weiss und insbesondere sein dreibändiger Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ sind am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL) der Universität München im vergangenen Jahr zum Gegenstand von Seminaren, Tagungen, wissenschaftlichen Arbeiten und privaten Lektüren geworden. Diese Entwicklung möchte die Fachschaft AVL zum Anlass nehmen, um die „Ästhetik des Widerstands“ in zwei Lesenächten zu lesen. Zu diesen lädt die Fachschaft Interessierte als Zuhörende ebenso wie als Lesende am 11. und 12. Januar 2019 ab 20 Uhr (am Freitag) und ab 19 Uhr (am Samstag) in R U104B ein. Die Fachschaft wird sich in den beiden Nächten dem 1. Band der „Ästhetik des Widerstands“ widmen (und die Lektüre der anderen Bände dann in Folgeformaten fortsetzen).

Lesen werden neben Studierenden und Lehrenden auch Gäste aus Chemnitz. Noch ist jedoch die Leseliste nicht gefüllt und die Fachschaft sucht weiterhin zahlreiche LeserInnen. Interessierte sind herzlich dazu einladen, sich in folgender Leseliste einzutragen. Weil die Textblöcke der ÄdW sehr umfangreich teilweise anspruchsvoll zu lesen sind, können sich auch gerne zwei Personen pro Abschnitt eintragen und das Buch bei Erschöpfungserscheinungen dann weitergeben.

Die Fachschaft freut sich sehr auf zwei spannende Lesenächte zu Beginn des neuen Jahres und auf eine intensive Beteiligung.

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