Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum geht an Ute Adamczewski

Der Peter-Weiss-Preis 2021 der Stadt Bochum wird an die Filmemacherin Ute Adamczewski verliehen. Die Auszeichnung, benannt nach dem Autor, Dramatiker, Maler und Filmemacher Peter Weiss, wird seit 1990 alle zwei Jahre an eine Persönlichkeit aus einer der Sparten Literatur, Theater, bildende Kunst und Film vergeben. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Die Jury hat sich auf ihrer Sitzung im Dezember für Ute Adamczewski als Preisträgerin ausgesprochen. Insbesondere hatte der Film „Zustand und Gelände“, der erst im Sommer 2021 in den Kinos zu sehen war, mit seiner Aktualität und gesellschaftlichen Brisanz tiefen Eindruck hinterlassen. Die Jury würdigt die Arbeit der Regisseurin und Künstlerin Ute Adamczewski „die seit 2013 mit verschiedenen konzeptuellen Videoarbeiten wie `Die neue Ordnung´ (2013) und `La Ville Radieuse Chinoise´ (2015) auf sich aufmerksam machte.“

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Medienberichte

Vorankündigung: Eine Europäische Frau. Erinnerungen

Ausgehend von ihren Vorfahren in Deutschland und Schweden beschreibt Gunilla Palmstierna-Weiss ihr Leben: eine jüdische Buchdrucker-Familie mütterlicherseits und der Großvater väterlicherseits, Außenminister der ersten sozialdemokratischen Regierung in Schweden. Im Zweiten Weltkrieg konnte ihre Familie mit dem letzten Zug aus Nazideutschland nach Holland fliehen. Palmstierna-Weiss erzählt vom Erwachsenwerden in den dunklen Jahrzehnten. Erst nach ihrem Studium in Amsterdam und Paris kommt sie endgültig zurück nach Schweden und erlebt die Boheme in den 50ern in der Stockholmer Altstadt.

Im Zuge ihrer Arbeit am Theater lernt sie Peter Weiss kennen, den sie heiratet und mit dem sie auch eine Arbeitsgemeinschaft bildet. Viele Reisen prägten ihr Leben (USA, Mexiko, Kuba und Vietnam). Erst machte sie als Keramikerin Karriere, schließlich entschloss sie sich Theater- und Opernausstatterin zu werden. Dies führte zur Zusammen arbeit mit einer Vielzahl an bekannten Regisseuren: Ingmar Bergman, Peter Brook, Fritz Kortner, Götz Friedrich in Stockholm, München, New York und der ganzen Welt. All diese, aber auch Freundinnen wie Siri Derkert oder Freunde wie Olof Palme werden von Palmstierna-Weiss liebevoll porträtiert

Gunilla Palmstierna-Weiss: Eine Europäische Frau. Erinnerungen. Übersetzt von Jana Hallberg. Berlin: Verbrecher Verlag. Umfang: 380 Seiten, Preis: 32,00 €. Voraussichtlicher Erscheinungstermin: 10.5.2022. verbrecherverlag.de

Widerstand und Exil. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Bochum

Einen besonderen Zugang zum Thema Widerstand und Exil im Nationalsozialismus bietet die Ausstellung „HK Destins / Schicksale“ im Kunstmuseum Bochum. Im Mittelpunkt stehen Leben und Tod des Bochumer Kommunalpolitikers und Widerstandskämpfers Heinrich König (1886–1943).

Die Künstler Arno Gisinger und Pierre Rabardel schaffen mittels räumlich inszenierter Fotografien und einiger Exponate eine visuelle Topographie von Heinrich Königs Biografie, vermitteln Bezüge zu den Erfahrungen einiger seiner Wegbegleiter und stellen gleichzeitig die allgemeine Frage nach dem Leben im Exil und im Widerstand. Zusätzlich eröffnet diese Ausstellung Bezüge zur Kollaboration Frankreichs mit den Nazis und zur Résistance.

Mit der Erzählung zum Leben von König wird das Thema der Ausstellung im reich bebilderten und umfangreichen Katalog erst vollständig erschlossen. Bilder und Texte ergeben einen eigenständigen, literarisch-dokumentarischen Zugang zu Widerstand und Exil.

Insgesamt passt diese Ausstellung sehr gut in die Tradition des Museums zur Beschäftigung mit Peter Weiss. Hier wurde 1980 die erste große und bis heute maßgebliche Retrospektive zum bildnerischen Werk von Weiss präsentiert. Aus dieser Präsentation heraus entstand letztlich der Impuls zum Peter Weiss-Preis der Stadt Bochum, der seit 1990 verliehen wird. https://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Weiss-Preis

Die Ausstellung ist bis zum 30. Januar 2022 zu sehen. kunstmuseumbochum.de

Rüdiger Sareika

Prozess Auschwitz – Theater+ Film

Preview am 18. November 2021 um 20.00 Uhr im Gallustheater Frankfurt a. M., Kleyerstr. 5

Die Überlebenden der Vernichtungslager hatten die Bürde des Erlittenen für ihr weiteres Leben zu tragen. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess zwang die ZeugInnen, sich dem Prozess des Erinnerns, des Berichts, der Befragung in öffentlicher Verhandlung auszusetzen. Wir nutzen die Protokolle des Prozesses, konzentrieren uns aber auf die unterschiedlichen Formen des Erinnerns: Erinnern als Rekonstruktion, fragmentierte und zerstörte Erinnerung, abgewehrte, verformte Erinnerung, Bilder ohne Sprache, scheiternder Sprechversuch. 

Auf der anderen, der Täterseite die Erinnerung als Verfälschung, Verleugnung oder Rechtfertigung, auftrumpfend oder abwehrend, larmoyant, aggressiv. 

Ästhetisch nähern wir uns diesen Formen des Erinnerns mit einer Partitur aus Stimmen, Aktionen,  einer Komposition für Sopran,Rauminstallation.

Szenisch werden Positionen im Prozess des Erinnerns, die der Opferzeugen und die der Täter, als unvereinbar gegenüber gestellt, es gibt keinen Dialog, es wird nicht die Form des Gerichtsprozesses gewählt. 

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Martin Rector: Erinnerungen an Jost Hermand

* 11. April 1930 in Kassel; † 9. Oktober 2021 in Madison, Wisconsin


Jost Hermand, 1994 (Foto: Claude Lebus, CC-BY-SA-3.0)Jost Hermand – ich erinnere mich gut – stand natürlich schon in meinem studentischen Bücherregal. Seine Reclam-Anthologien über „Das Junge Deutschland“ (1966) und „Der deutsche Vormärz“ (1967) waren irgendwie unverzichtbar, seine pragmatisch-streitbare Intervention über „Synthetisches Interpretieren“ (1969) half bei der Orientierung in der damaligen Methodendiskussion. Damals waren seine Bücher einfach nicht nur nützlich und informativ – das blieben sie zeitlebens – sondern auch noch einigermaßen zu überblicken. Das sollte sich seit den 70er Jahren immer schneller ändern. Wenn ich heute richtig zähle, hat Jost Hermand von 1958 bis zu seinem Tode am 9. Oktober 2021 allein um die 80 Bücher veröffentlicht, von zahlreichen Sammelbänden und Aufsätzen ganz abgesehen. Dabei hat er bedeutende Epochen der deutschen Literaturgeschichte weitgehend ausgespart; um das Mittelalter, um Barock, Aufklärung, Klassik und Romantik hat er sich kaum bemüht. Was ihn immer wieder aufs Neue interessierte, war die deutsche Literatur vom Vormärz bis zur Gegenwart, und zwar weniger in ihrer ästhetischen Autonomie als in ihrer Bedeutung für die übergreifende deutschen Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. In diesem Feld ging er immer wieder in die Breite und in die Tiefe, auch ohne Scheu vor gelegentlichen Wiederholungen, zumal bei seinen erklärten Lieblingsautoren. Über Heine hat er fünf, über Brecht vier Bücher veröffentlicht. Seine eigentliche Domäne aber waren weniger solche monographischen Studien, sondern komprimierte kulturgeschichtliche Epochendarstellungen zum Vormärz, zum Kaiserreich, zur Weimarer Republik, zum Faschismus, oder auch thematische Studien zum Judentum, zur Pop-Kultur und zur Ökologie-Bewegung, nicht zuletzt auch zur Bildenden Kunst und zur Musik. Hier fand er seinen typischen Darstellungsstil: stets eminent detailkundig, aber zugleich zusammenfassend und klar ordnend, dabei unbedingt wertungsfreudig und vor allem: lesbar.

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