Internationale Peter Weiss Gesellschaft
 

 

 

Jenny Willner: Sprachwechsel als Strategie der Immunisierung bei Peter Weiss, Herta Müller und Terézia Mora


Die vergleichende Analyse dreier Romane steht im Mittelpunkt des Dissertationsvorhabens: Die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss erschien 1975–81 und erzählt von der kommunistischen Untergrundbewegung auf der Flucht vor dem Faschismus während des Zweiten Weltkriegs. „Herztier“ von Herta Müller (geb. 1953 in Rumänien) erschien 1994 und schildert die Überwachung und Verfolgung in einer sozialistischen Diktatur aus der Perspektive einer geflohenen Dissidentin. „Alle Tage“ von Terézia Mora (geb. 1971 in Ungarn) erschien 2004, spielt in der Gegenwart und erzählt vom versprengten Dasein eines Mannes, der sein osteuropäisches Herkunftsland fluchtartig verlassen musste, als es in Bürgerkrieg zerfiel.
In den Romanen geht es zum einen um Flucht in der historischen Wirklichkeit, zum anderen um Vorstellungen von Flucht vor der Wirklichkeit. Ersehnt wird die Ankunft in der Sprache als intaktem Ort. Die jeweiligen Hauptfiguren sind Exilanten, aber auch Übersetzer. Sie beobachten, trainieren und wechseln ihre Sprachen, ihr Werkzeug. Die Sprachproblematik wird dabei auf einer Stufe mit den historischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts verhandelt – eine motivische Überschneidung, die Tradition hat: Schilderungen von Fremdheitserfahrungen mit Sprache im Exil sind immer wieder mit Reflexionen darüber verbunden worden, wie Widerstand, Abwehr oder zumindest Flucht in der Extremsituation gelingen könnte. Zur Kontextualisierung werden ausgewählte Texte von Paul Celan, Georges-Arthur Goldschmidt, W. G. Sebald, Ingeborg Bachmann, Walter Benjamin, Elias Canetti, Julia Kristeva, Jacques Derrida und Gilles Deleuze/Felix Guattari herangezogen.
Bei Weiss, Müller und Mora ist der manifeste Unterschied von erzählter Sprache und Erzählsprache auffällig. Trotz der vertrackten Sprachbiographien der Autoren ist die Textoberfläche – von wenigen Einsprengseln abgesehen – einsprachig deutsch. Die Mehrsprachigkeit im Schaffensprozess ist die verborgene Kehrseite des Textes. Der Fokus meiner Analyse gilt den Phantasien über Sprache, wie sie die Ebene des Dargestellten bestimmen. Die Auseinandersetzung der Romanfiguren mit Fragen der Übersetzung dient als Handlungsrahmen literarisch verhandelter Poetologien von Sprache in Gefahr. Beschrieben wird sowohl die gefährdete Sprache, als auch die Sprache gefährdeter Menschen. Dabei muss die sinnliche Metaphorik häufig wörtlich genommen werden: Die dargestellte Sprache, so die Arbeitshypothese, wird materiell, um sich nicht zu verflüchtigen. Sie muss greifbar sein, um als Baumaterial bei der Errichtung eines Schutzwalls zu dienen.
Die Abschottung mittels Sprache geschieht in der „Ästhetik des Widerstands“ aus äußerster Not und ist eine Voraussetzung des politischen Engagements. Dabei entsteht ein Spannungsverhältnis zu einer anderen Strategie: der Rettung durch Sprachverwandlung und Wörterflucht, wie sie bei Mora und noch stärker bei Müller überhand nimmt. Einerseits geht es den Romanfiguren um die Abwehr gegen eine Wirklichkeit, die ihnen an die Substanz geht: Sie suchen Halt im Regelwerk der Sprache. Andererseits tritt die Sprache selbst als Bedrohliches in den Vordergrund. Sie bleibt untrennbar mit genau jenen Gefahren verbunden, angesichts derer die Entscheidung zwischen Widerstand, Abwehr oder Flucht getroffen werden muss.