Internationale Peter Weiss Gesellschaft
 

 

 

Anette Weingärtner: Die Peter Weiss-Rezeption in der DDR


In den "Notizbüchern" findet sich Anfang 1963 eine erste Notiz "Berlin (DDR)", so dass man vermuten kann, dass sich Peter Weiss erstmalig in diesem Jahr in der DDR aufgehalten hat. Die Rezeption seiner Dramen setzte 1964 im Anschluss an die Uraufführung des "Marat/Sade" in Westberlin ein: In renommierten DDR-Kulturzeitschriften erschienen Rezensionen zu dem Stück. Am 21.03.1965 fand die Uraufführung des "Marat/Sade" in Rostock statt. Es folgten Inszenierungen in Ostberlin und Leipzig. Im selben Jahr wurde die "Ermittlung" in Form einer Lesung der deutschen Akademie der Künste in der Volkskammer der DDR präsentiert. Im Oktober beteiligten sich 18 Städte an der Ringuraufführung mit Inszenierungen und Lesungen. Dass sich Weiss in diesem Jahr mit Wolf Biermann im Zusammenhang mit dessen Aufführungsverbot solidarisierte, wirkte sich nicht negativ auf die Rezeption seines Werkes aus. Ende der 60er Jahre fanden Inszenierungen des "Gesangs vom Lusitanischen Popanz", des "Vietnam-Diskurses" und von "Nacht mit Gästen" in Rostock statt. Die Aufführung des Stückes "Wie dem Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird" - es lag 1968 für die Bühnen vor - verzögerte sich um acht Jahre. Vermutlich ist dies darauf zurückzuführen, dass Weiss eine für die DDR unbefriedigende Haltung gegenüber der SSR-Intervention des Warschauer Paktes einnahm.
Weiss' "Trotzki im Exil" ist in der DDR nie erschienen. Es gab Versuche zur Veröffentlichung. In den Fachorganen wurde keine direkte Aufführungsbesprechung publiziert. Anfang der 70er Jahre durfte Peter Weiss die DDR zwei Jahre nicht betreten. Erst im Juli 1973 fand dann die Uraufführung seines Hölderlin-Stückes in Rostock statt. 1975 stellte Peter Weiss seinen Roman "Die Ästhetik des Widerstands" in einem Gespräch, das im "Neuen Deutschland" abgedruckt wurde, vor. Die wissenschaftliche Rezeption des Werkes setzte ein, bevor der Roman 1983 in der DDR erschien. Nachdem "Die Ästhetik des Widerstands" im Henschel-Verlag publiziert worden war, entspann sich eine rege Diskussion unter Literatur- und Kulturwissenschaftlern in Fachzeitschriften, auf Kolloquien und in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur.
In der sich in den Anfängen befindenden Dissertation soll die Rezeption des schriftstellerischen Werkes von Peter Weiss in der DDR in den Jahren 1964/65 bis 1989 unter Berücksichtigung der kulturpolitischen Debatten und Diskussionen der DDR-Literaturwissenschaft untersucht werden. Die grundlegende Fragestellung der Arbeit geht dahin herauszufinden, wie das Werk von Peter Weiss durch die Rezeption in der DDR beeinflusst wurde. Diese Fragestellung soll zum einen auf das dramatische Werk bezogen werden: Weiss hat sowohl am "Marat/Sade" als auch am "Hölderlin" für die Inszenierungen in der DDR Veränderungen vorgenommen. Andererseits wird es auch um die gut dokumentierbare Rezeption der "Ästhetik des Widerstands" gehen. Ein wesentliches Anliegen ist hierbei zu eruieren, weshalb sich die Publikation von Peter Weiss' Hauptwerk in der DDR so lange verzögert hat.
Quellen für die Untersuchung der Rezeptionsgeschichte des Werkes in der DDR stellen sowohl Zeitungsrezensionen als auch literaturwisenschaftliche Diskurse dar. Einbezogen werden sollen Gesprächsprotokolle mit DDR-Politikern. Außerdem sind Interviews mit namhaften Zeitzeugen (Literaturwissenschaftlern, Schriftstellern, Lektoren) vorgesehen.