Internationale Peter Weiss Gesellschaft
 

 

 

Margarida Abrantes: Kognition und Literatur Zur Bedeutungsentstehung im Prosawerk von Peter Weiss"


Literatur ist außergewöhnlich. Wie andere Formen der ästhetischen Erfahrung zeigt sich die Literatur als evolutionsgeschichtliches Kuriosum. Aus der Sicht der Psychologie – und nun auch der Biologie (Eibl 2004) – erweist sich die Erfahrung an der Literatur als Bedürfnis und Ergebnis eines bewussten Vorzugs, etwa wenn sich die Auseinandersetzung mit sachlichen Texten als Alternative bietet.
Aus diesen Beobachtungen ergibt sich das Thema dieser Arbeit, die sich dem Prozess der Bedeutungsentstehung in literarischen Texten am Beispiel von ausgewählten Prosatexten von Peter Weiss widmet. Die Arbeit entsteht im Rahmen eines neuen Forschungsfeldes, das als kognitive Poetik oder "Cognitive literary studies“ bezeichnet wird. Darunter versteht man eine Form der literarischen Analyse, die auf den Ergebnissen der kognitiven Semantik fußt, insbesondere auf der Mental Space Theory (Fauconnier 1994, 1997) und auf der Theorie der konzeptuellen Integration oder Blending Theory (Fauconnier & Turner 2002, bearbeitet von Brandt 2004 und Brandt/Brandt 2005).
Zwei Ziele der Arbeit werden somit angedeutet. Als erstes zielt diese Untersuchung auf ein Verständnis der ausgewählten literarischen Texte, das bisherige (literaturwissenschaftliche wie auch kulturhistorische) Analysen nicht ersetzen und ihnen ausdrücklich nicht widersprechen, sondern sie vielmehr ergänzen und – so weit dies der Stand der kognitionswissenschaftlichen Forschung erlaubt – besser begründen helfen will. Der Ausgangspunkt für diese Untersuchung ist die menschliche Kognition, d.h. die mentalen Prozesse, die es erlauben, Sinneszusammenhänge in einem Text zu erkennen und daraus eine Bedeutung zu erschließen. Die Bedeutung wird als zentrales Verfahren des dynamischen menschlichen Denkens angesehen; Sowohl Rhethorik als auch das Erzählen (Narration) gelten als wesentliche Bereiche der Bedeutungserforschung.
Ein zweites Ziel dieser Arbeit ist - weiter gespannt - die konkrete Erforschung der Textbedeutung und ihres Entstehens. Diese Arbeit will auch eine weitere Antwort auf die Frage vom Nutzen und Vorteil der Literatur versuchen sowie eine Motivation bestätigen an der ästhetischen Begegnung mit literarischen Texten und deren Relevanz für die menschliche Natur.
Gegenstand dieser Arbeit ist eine Auswahl des Prosawerks von Peter Weiss, das in folgende Kategorien untergeordnet werden kann:
- Experimentelle Fiktion (Microroman): Der Schatten des Körpers des Kutschers;
- Autobiographische Prosa: Abschied von den Eltern, Fluchtpunkt;
- Historische und dokumentierende Prosa: Ästhetik des Widerstands, Rekonvaleszenz.
Einerseits werden die Texte mit Hinblick auf die dort thematisierten kognitiven Verfahren untersucht, wie etwa die Imagination in der Konstruktion der historischen Erfahrung, das autobiograpohische Gedächtnis oder die gescheiterte Verbindung zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis. Von besonderem Interesse ist zu erforschen, inwiefern die in den Texten behandelten kognitiven Verfahren die Norm bestätigen oder von ihr abweichen und in diesem Fall, zu welchen Erkenntnissen oder Hypothesen über die menschliche Kognition diese Abweichung führen kann.
Andererseits werden die Texte als Produkte und auch als Prozesse der menschlichen Kognition behandelt, d.h. sie werden untersucht mit Hinblick auf die Intention bei ihrer Entstehung und auch in Anbetracht der Verstehensprozesse, die bei der Lektüre hervortreten. Diese werden auf Basis der Sprache rekonstruiert und auf das, was diese über die kognitive Verarbeitung und Kategorisierung der Erfahrung verrät. Dabei wird nicht eine psychologisch subjektive Analyse der Texte unternommen, sondern vielmehr eine Untersuchung, die von der objektiven Intersubjektivität im Umgang mit der Literatur ausgeht.
In bisherigen kognitiv orientierten Analysen von literarischen Texten haben kurze Formen Vorrang: Gedichte, Kurzgeschichten, short-shorts. Ihrer Kürze wegen erlauben diese Formen eine erschöpfende Textanalyse, sowohl lokal (auf Satz- und Wortebene) wie auch global (der Text als ganzer). Die Analyse längerer Formen dagegen kann nicht in gleicher Weise ausführlich sein, muss vielmehr punktuell exemplarisch verfahren. Darüber hinaus kann die Untersuchung mehrerer Werke eines einzelnen Autors Aufschluss geben über seinen speziellen Stil in der Bedeutungsvermittlung („authorian style for meaning conveyance“).
Diese Texte (vor allem die autobiographische und die historisch-dokumentierende Prosa) stellen eine weitere Herausforderung dar, indem sie hybride Formen sind und als solche eine Kernfrage der kognitive Poetik implizieren: die Beziehung zwischen Realität und Fiktion und damit wiederum das Bedürfnis nach und der kognitiven Vorteil von Literatur für den Menschen.