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Der Schriftsteller, Maler und Filmemacher
Peter Weiss wird am 8. November 1916 in Nowawes bei
Berlin geboren. Wegen seiner jüdischen Abstammung muss
er 1934 Deutschland verlassen. Vor der Auswanderung
stirbt seine Schwester Margit nach einem Verkehrsunfall.
Weiss geht zunächst mit seinen Eltern und Geschwistern
nach England, dann in die Tschechoslowakei, nach Warnsdorf.
Er schreibt, malt, Hesse wird für ihn wichtig, nach
einem Besuch bei diesem in Montagnola geht er nach Prag
auf die Kunstakademie. 1939 folgt er den Eltern, die
nach der Besetzung des Sudetenlandes nach Schweden emigriert
sind. Nun "ganz ins Exil" verschlagen, beginnt der schwierige
Prozess der Ablösung von den Eltern, der Versuch, sich
als Maler zu behaupten, die Notwendigkeit, sich mit
Brotarbeit durchzuschlagen.
Zu neuen Schreibversuchen führt erst die
kulturelle Öffnung nach dem Krieg, ein erster Band schwedischer
Prosagedichte "Från ö till ö" ("Von Insel zu Insel"),
Reportagen über eine Reise ins zerstörte Berlin (1947)
werden für eine Stockholmer Zeitung verfasst und unter
dem Titel "De besegrade" in einen Prosamonolog umgeformt:
"Die Besiegten", ein Text, der viele spätere Motive
vorwegnimmt. Ein erstes Drama entsteht, "Rotundan" ("Der
Turm"), ein "alptraumartiges Stück" über die Befreiung
aus den Fesseln der eigenen Vergangenheit, als Hörspiel
konzipiert, 1950 als Einakter in Stockholm uraufgeführt,
1963 erst auf deutsch herausgebracht. Auch der Prosatext
"Duellen" ("Das Duell") ist ein Versuch, im Medium der
künstlerischen Sprache die Verschlossenheit in sich
selbst zu überwinden. Der Surrealismus und die Psychoanalyse
helfen nun, die verschlossenen Bilder in Bewegung zu
setzen und mit der Verwandlung in Sprache sich im Exil
einen Ort zu erobern, der Identität ermöglichen könnte.
Der Avantgardefilm wird in den fünfziger
Jahren für die künstlerische Arbeit und Selbstverständigung
wichtig.
Fast ein Dutzend surrealistische und dokumentarische
Filme dreht Peter Weiss bis zum Anfang der sechziger
Jahre, Filme, deren experimentelle Bildsequenzen (wie
schon die Malerei) immer wieder den menschlichen Körper
und die Grundformen von Gewalt und Kampf andeuten. Mit
seinem sozialkritischen Film über ein Jugendgefängnis
in Schweden, "Im Namen des Gesetzes", gerät Weiss mit
seiner Dokumentation der "nackten Wirklichkeit im Gefängnis"
in Konflikt mit der staatlichen Filmzensur, eine publizistische
Diskussion über die Zensur schließt sich an, Gewerkschaften
und Arbeiterparteien demonstrieren gegen die staatlichen
Eingriffe in die künstlerische Arbeit (Mai 1958).
Ein Kapitel ist der Zensur auch in Weiss' Monographie
über den "Avantgardefilm" gewidmet, die 1956 erscheint.
Peter Weiss ist
mehr als vierzig Jahre alt, als 1960 zum erstenmal ein
Buch von ihm in Deutschland erscheint: "Der Schatten
des Körpers des Kutschers", ein sprachexperimenteller
und zugleich sensualistischer Prosatext, schon Anfang
der fünfziger Jahre geschrieben, wird in der Bundesrepublik
wie eine neue, avantgardistische Poetik rezipiert.
Die obsessiven Grundmuster der Wirklichkeitserfahrung,
Unzugehörigkeit, körperliche Gewalt, eine
bedrohliche Gegenständlichkeit der Beziehungsformeln
werden kaum wahrgenommen.
Die Radikalität der autobiographischen Prosa, "Abschied
von den Eltern" (1961) und "Fluchtpunkt" (1962), die
Unbedingtheit in der Erkundung seines Ichs und seiner
Verklammerung mit der Familie, die unerbittlichen Erkenntnisse,
dem zufälligen Überleben im Exil einen Sinn
zu geben, treffen in der literarischen Öffentlichkeit
kaum auf Verständnis.
Die großen politischen Dramen, die
von 1964 bis 1971, von "Marat/Sade" über "Die Ermittlung",
den "Gesang vom lusitanischen Popanz", den "Vietnam-Diskurs",
"Trotzki im Exil" bis "Hölderlin" dem zeitgenössischen
Theater eine neue gesellschaftliche Brisanz und künstlerische
Ausdruckskraft erobern, verschaffen Peter Weiss eine
weltweite Geltung.
Die dramatische Arbeit wird jetzt begleitet durch eine
politische und ästhetische Selbstverständigung
in den theoretischen Schriften ("Rapporte" und "Rapporte
2").
Eine zentrale Bedeutung dürfte dabei den Dante-Texten
und der Laokoon-Rede zukommen, in der die lebensgeschichtlich
gravierend empfundene Spannung von Bild und Wort nicht
nur auf dem Hintergrund der alten ästhetischen
Debatte diskutiert, sondern auch die "jüngste Vergangenheit"
in die Fragen nach dem Verhältnis von Bild und
Wort einbezogen wird.
Aber selbst im kulturtheoretischen Diskurs ist das lebendige
Künstler-Ich mit seiner Verstrickung in das Vergangene
unmittelbar gegenwärtig.
Gerade darin dürfte die ungewöhnliche Intensität
der theoretischen und literarischen Arbeiten von Peter
Weiss liegen, die Einsicht von Sade, dass jede Revolution
scheitern wird, solange nicht die "Gefängnisse
des Innern" geöffnet werden, entspringt einer tiefgreifenden
lebensgeschichtlichen Erfahrung, deren spannungsvolle
Dynamik in den scheinbar widersprüchlichen Komponenten
von poetischer Vision und historischer Recherche, Surrealismus
und marxistischer Analyse, Hölderlin und Marx usw.
auszumachen ist.
Die ganzen 1970er Jahre hindurch arbeitet
Peter Weiss an der "Ästhetik des Widerstands",
einem trilogischen Romanwerk über den kommunistischen
Widerstand gegen den Faschismus, über die Arbeiterbewegung
und ihren widersprüchlichen, zerrissenen Verlauf
von 1918 bis zum Ende von Krieg und Faschismus, ein
Roman geschichtlicher Trauer- und Erinnerungsarbeit,
der vor allem auch den Verbrechen des Stalinismus und
ihren verheerenden Auswirkungen gilt.
Aber dieser Roman ist zugleich eine Ästhetik des
Widerstands, es gehört zum Schönsten, was
je über Kunstwerke geschrieben wurde, mit dem Bewegendsten,
was über den Widerstand zu schreiben war. Mehr
als acht Jahre hat sich der Autor "mit diesem Roman-Leben",
dessen Mühen die "Notizbücher" dokumentieren,
"aufrecht" gehalten.
Nach der Fertigstellung des Romans nimmt Peter Weiss
noch einmal die Bearbeitung von Kafkas "Prozess" vor.
"Der neue Prozess" wird 1982 in Stockholm uraufgeführt,
in einer Inszenierung, in der wie bei früheren
Stücken Peter Weiss und seine Frau Gunilla Palmstierna-Weiss
zusammengearbeitet haben. Zwei Monate später, am
10. Mai 1982, stirbt Peter Weiss in Stockholm.
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