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Die Internationale Peter Weiss-Gesellschaft trauert um ihr Ehrenmitglied

Olof Lagercrantz

Am 23. Juli 2002 starb in Drottningholm (Schweden) Olof Lagercrantz, seit 1990 Ehrenmitglied der Peter Weiss-Gesellschaft.

Lagercrantz wurde am 10. März 1911 in Stockholm geboren, Sohn eines hohen Offiziers aus schwedischem Adel, der eine Tuberkulose ausheilend während einer langen Reise durch europäische Sanatorien (bis 1934) zur Literatur kam und ihr sein Leben lang treu blieb. Wie es dazu im Einzelnen kam, ist in der Autobiographie »Min första krets« (»Mein erster Kreis. Die Geschichte einer Jugend«. Aus dem Schwedischen von Angelika Gundlach. Frankfurt/Main: Insel, 1984) genauer beschrieben.

In den 1930-er und 40-er Jahren erwarb sich Lagercrantz als Poet einen gewissen Ruf; ein rasch vergessener Roman erschien 1939, dazu mehrere Gedichtbände. Vor allem aber machte er sich als meinungsbildender Journalist mit seinen Essays, Studien und Biografien einen Namen. 1940 bis 1951 war er Mitarbeiter von »Svenska Dagbladet«, parallel auch von »Bonniers Litterära Magasin«, »Samtid och Framtid« und »Vintergatan«, nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie war Lagercrantz 1951 bis 1960 Feuilletonchef von »Dagens Nyheter«, von 1960 bis zu seiner Pensionierung 1975 Chefredakteur derselben Zeitung.

Viele der Studien und Biografien wurden auch ins Deutsche übersetzt, so die Bücher über Dantes »Göttliche Komödie« (dt. 1965), Nelly Sachs (dt. 1967), August Strindberg (dt. 1980), Joseph Conrad (dt. 1988), Marcel Proust (dt. 1995) oder Emanuel Swedenborg (dt. 1997). An diesen Namen bemerkt man schon, wie stark sich die Interessen von Langercrantz und Weiss überschnitten.

Kennen gelernt hatten sich beide vermutlich schon in den 1940-er oder 50-er Jahren, beide befreundet mit Stig Dagerman, dem Lagercrantz auch eine Biografie widmete (1958), und heimisch in den vom Surrealismus und Existenzialismus infizierten Zirkeln Stockholmer Avantgardisten.

Lagercrantz’ Dante-Studie, zuerst 1964 auf schwedisch erschienen, hatte auf die Konzeption des »Infernos« von Weiss zwar keinen Einfluss, könnte aber für die Vorstellung des »Purgatorio« als Ort, an dem Schmerz, Leiden und Arbeit sich lohnen, leitend gewesen sein. Lagercrantz beschrieb das »Purgatorio« als »föreställningen om en smärta som lönar sig, om ett hård arbete som ger resultat« (»Vorstellung von einem Schmerz, der sich lohnt, von einer harten Arbeit, die zu einem Ergebnis führt«), was sich ähnlich auch in Weiss’ »Gespräch über Dante« (1965) findet.

Auch in ihrem Interesse für die fernöstlichen Versuche, einen Sozialismus jenseits des Stalinismus aufzubauen, ähnelten sich Lagercrantz und Weiss. Dieser legte Rapporte über Vietnam vor, jener unter dem Titel »China-Report« (dt. 1971) den Bericht einer Reise in das maoistische China, das zu dieser Zeit eine merkwürdige Ausstrahlung auf westliche Intellektuelle hatte.

Am meisten aber verband sie das brennende Interesse an einer europäischen Kultur jenseits alles Provinziellen in Schweden. Dass es ihm auch mit dem zweiten Band der »Ästhetik des Widerstands« nicht gelungen war, nach vierzig Jahren in seiner Wahlheimat als schwedischer Schriftsteller anerkannt zu werden, konnte Weiss niemandem besser klagen als Lagercrantz, diesem schwedischen Kosmopoliten und gelehrten Geistesabenteurer. »Jag hade hoppats på ett s. k. ›genombrott‹ med denna andra del, äntlingen ett slags erkännande som svensk föfattare efter 40 år i detta land«, schrieb Weiss am 8. Mai 1979 enttäuscht über die vernichtenden Kritiken in Schweden an Lagercrantz (»Ich hatte auf den so genannten Durchbruch gehofft, mit dem zweiten Teil endlich als schwedischer Autor anerkannt zu werden, nach 40 Jahren in diesem Land«).

Zu diesem Zeitpunkt saß Lagercrantz über dem Abschluss seiner großen Biografie August Strindbergs, an der er wie Weiss in der gleichen Zeit an der »Ästhetik des Widerstands«, rund zehn Jahre gearbeitet hatte und die vielleicht zu seinen besten Arbeiten gehört (auf deutsch unter dem Titel »Strindberg«, übersetzt von Angelika Gundlach, 1980 im Insel-Verlag erschienen, 1984 auch als Taschenbuch). Für Weiss war das Buch vor dem Abschluss seines Romans genau die richtige Lektüre. Für ihn selbst war Strindberg in den 1950-er Jahren eine Identifikationsfigur gewesen und er konnte bei Lagercrantz seinen Strindberg jenseits gängiger Klischees vom weiberhassenden Paranoiker wieder finden. Das Element des Traums wurde für Weiss gerade in den letzten Jahren wieder so wichtig wie in den frühen Jahren. Und auch für Lagercrantz war gerade der Strindberg, der seinen Halluzinationen, Phantasien und Träume einen hohen Realitätsgrad zumaß und darüber in »schönen und inspirierten« Worten zu sprechen vermochte, ohne jedoch die »intellektuelle Beherrschung« zu verlieren, von enormer Faszination.

In dem Strindberg-Buch zitierte Lagercrantz aus der Schlusspassage von Strindbergs »Kvarstadsresan« (»Die Prozessreise«, 1885) Sätze, die am Ende auch die Überzeugung des weltliterarisch so gebildeten und die Grenzen seiner Heimat bis zuletzt mindestens geistig souverän überschreitenden Lagercrantz gewesen sein mochten: »Und nun leb wohl, Schweden! Es muß draußen in Europa kräftig wehen, damit oben im Norden die Wellen in Bewegung geraten.« Einen solchen Sturm mit anzufachen, bleibt Verpflichtung für die Internationale Peter Weiss-Gesellschaft, die in Lagercrantz eines ihrer fruchtbarsten und anregendsten Mitglieder verloren hat.

Arnd Beise (Vorsitzender der IPWG)


Vgl. Pressemitteilung des Suhrkamp-Verlags (mit Verzeichnissen und einer Geburtstagsrede Siegfried Unselds zu Lagercrantz' 90. Geburtstag).

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