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Tagung der EvangelischenAkademie Iserlohn
15.-17. November 2002
Zur Konstruktion von Vielfalt und Fremde
im Werk von Franz Kafka
"Erst im Chor mag eine gewisse Wahrheit
liegen..."
Viele heutige Kafka-Leser können sicherlich
mit dem Helden K. aus dem Romanfragment Das Schloß
mitfühlen. Während dieser auszieht, um fremdes
Territorium in Hei-mat zu verwandeln, so sind jene darum
bemüht, die befremdlichen Geschichten des Prager
Autors in den je eigenen Parametern des Verstehens anzusiedeln.
Leser und Protagonist treten mit starkem Willen an,
kampfeslustig, und müssen doch feststellen, dass
sie selbst durch mühsamste Anstrengung dem erhofften
Ziel nicht näher kom-men: Die Schloß-Landschaft,
der Roman bleiben fremd. Wie das Unternehmen des Landvermessers
wird auch die Lektüre, die Kafkas Texte in einen
vertrauten Raum überführen will, ad absurdum
geführt.
Die unauflösbare Antithetik von Heimat und Fremde
ist keineswegs ein Grund, Trübsal zu blasen. Wir
nehmen sie zum Anlass, zu einer Tagung einzuladen. Ohne
vorab festgelegtes Ziel, sondern ausschließlich
dem Motto Fremde und Vielfalt Gehorsam schuldig,
wartet diese Fahrt mit Zickzackkursen, mit Umsteigen
und Umwegen, vielleicht mit Irrwegen auf. Die Reise
setzt nicht auf den Reiz der Vollendung, sondern auf
den der Verhinderung, auf das Stocken. An sie knüpft
sich die Hoffnung auf einen mehr-stimmigen Gesang, der
ähnlich den Posaunen des Teaters von
Oklahama für Sinnverwirrung sorgt.
Dem Fu-ror einstimmiger Aneignung soll ein vielfältiger
Chor entgegensetzt werden, dank dem das Fremde an Kafkas
Tex-ten weniger heimisch als vielmehr das Eigene unheimlich
erscheint.
Diese Hoffnung stützt sich auf die Uneindeutigkeit
des Ei-genen in mindestens dreierlei Hinsicht bei Kafka
selbst:
? Hinsichtlich der Heimat: Das generell vertraute Feld
der Heimat erweist sich, etwa im Proceß, als befremdliche,
das Subjekt aus sich verstoßende Gesetzeswelt.
Darüber hinaus kommt es sowohl in privaten Wohnräumen
(z.B. Der Bau, Das Urteil, Die Sorge des Hausvaters)
als auch an Kör-pern (z.B. Die Verwandlung) zur
Verwischung jener Grenzen, die üblicherweise das
Eigene ge-genüber dem Anderen abdichten.
Hinsichtlich der Fremde: K. in Das Schloß und
Karl Roßmann in Der Verschollene gehören
zum Typus des Exilierten, der heute kommt und
morgen bleibt (Georg Simmel). Seine Wanderungen
führen nicht zu einer aneignenden Ausmessung des
neuen Raums, sondern zu einer Zerstreuung, bei der das
mitgeschleppte Eigene (der Beruf, die Vergangenheit,
der Name) fragwürdig wird oder sogar verloren
geht.
Hinsichtlich der Schnittstelle von Heimat und Fremde:
Der Kampf um Abgrenzung, der u.a. durch Mauer- oder
Turmbau (z.B. Beim Bau der chinesischen Mauer, Das Stadtwappen)
in Angriff genommen wird, endet in der Konstitution
eines gemeinschaftlichen Zusammenhangs ohne strikte
Grenzziehung nach außen: Die Mauer, die
Grenze wird damit zum Ort der Gemeinschaft schlechthin.
(Joseph Vogl)
Diese und weitere Überschneidungen bzw. Verschiebungen
von Eigenem und Fremdem werden während der Tagung
mit Blick auf unterschiedliche Themen und Motive (u.a.
Körperkonzeption, China-Motiv, das Verhältnis
Kafkas zum Judentum) zur Diskussion gestellt. Sie werden
darüber hinaus auf Befremdliches in Texten anderer
Auto-ren bezogen (Fjodor Dostojewskij, Peter Weiss)
sowie in den Kontext gesellschaftlich relevanter Diskurse
sowohl des beginnenden 20. als auch des 21. Jahrhunderts
gestellt.
Dr. Rüdiger Sareika, Dr. Christof Hamann
Programmablauf
Freitag, den 15. November 2002
17.00 Uhr Anreise
18.00 Uhr Abendessen
19.00 Uhr Fremde Körper. Aspekte des Befremdli-chen
in Kafkas Erzählungen
Prof. Dr. Detlev Kremer, Uni. Münster
21.30 Uhr Treffpunkt Foyer
Samstag, den 16. November 2002
8.15 Uhr Frühstück
9.00 Uhr Vielfältige Wege ins fremde Eigene. Zu
Kafkas Roman Der Verschollene
Dr. Christine Ivanovic, Uni. Erlangen
10.30 Uhr Stehkaffee
11.00 Uhr Schreiben aus dem Winkel. Heterotopi-sches
in zwei Erzählungen Dostojewskis und Kafkas
Dr. Manuela Günter, Universität Köln
12.30 Uhr Mittagessen
14.00 Uhr Kaffeetrinken
14.30 Uhr Geheimlehre oder Zionismus?
Zum Verhältnis von Poetologie und Politik bei Kafka
im Hinblick auf das China-Motiv
Seiji Hattori, Universität Gießen
16.00 Uhr Kaffeepause
16.30 Uhr Workshops
- Verteidigung der Fremdheit. Kafkas Vorkehrungen gegen
das Verstehen
Dr. Hansjörg Bay, Universität Gießen
- Kafkas arabische Anwälte. Kafka-Rezeption im
arabischen Raum
Atef Botros, Universität Leipzig
- Der Boden auf dem wir leben. Gemeinschaftskonzepte
bei Kafka und Martin Buber
Dr. Christof Hamann, Uni. Dortmund
- Gehen Sie doch einfach raus, Herr Prokurist.
Peter Weiss Bearbei-tungen von Kafkas Prozeß
Dr. Steffen Richter, freier Kulturkriti-ker, Berlin
- Zur Pluralität der Rezeption Kafkas
Michael Serrer, Leiter des Literaturbü-ros NRW
in Düsseldorf
18.00 Uhr Abendessen
19.00 Uhr Kafkas Arbeit am Mythos und die tal-mudische
Melodie
Prof. Dr. Theo Elm, Universität Erlangen
20.30 Uhr Ausstellungseröffnung:
Gustav Müller von, nach
21.30 Uhr Treffpunkt Foyer
Sonntag, den 17. November 2002
8.00 Uhr Andacht in der Kapelle
8.15 Uhr Frühstück
9.00 Uhr Symbolische Fronten und Grenzüberschreitungen
Kafka und die Wander-bewegungen zu Beginn des
20. Jahrhunderts
PD Dr. Ute Gerhard, Uni. Dormund
10.30 Uhr Stehkaffee
11.00 Uhr Vielfalt und Fremde: Kafka-Lektüre als
Übung in Demokratie
Michael Serrer, Düsseldorf
Abschlussdiskussion und Ausblick
Leitung: Dr. Rüdiger Sareika, Dr. Christof
Hamann, Michael Serrer
12.30 Uhr Mittagessen, anschl. Abreise
Organisatorisches:
Tagungsleitung:
Dr. Rüdiger Sareika, Iserlohn
Tagungssekretariat:
Helga Weber 02371 / 352-143
Fax: 02371 / 352-130
e-mail: h.weber@kircheundgesellschaft.de
Tagungskosten:
Einzelzimmer m. Vollpension: 82 EUR / erm. 48 EUR
Doppelzimmer m. Vollpension: 68 EUR / erm. 34 EUR
ohne Übernachtung / Frühstück: 42 EUR
/ erm. 21 EUR
zzgl. Tagungsgebühr: 30 EUR / erm. 15 EUR
Die ermäßigten Preise gelten für
SozialhilfeempfängerIn-nen, Arbeitslose, Wehr-
und Zivildienstleistende sowie für SchülerInnen,
StudentInnen und Auszubildende bis zum Alter von 35
Jahren. Eine Ermäßigung kann nur bei Teil-nahme
an der gesamten Tagung gewährt werden. Bitte legen
Sie unaufgefordert eine entsprechende Bescheinigung
bei der Einschreibung vor. Wir bitten, die Tagungskosten
bei Ihrer Ankunft in der Tagungsstätte zu begleichen.
Sie können mit EC-Karte in Verbindung mit Ihrer
Geheimzahl bezahlen.
Bitte melden Sie sich möglichst frühzeitig
an.
Ihre Anmeldung bindet auch Sie. Wenn Sie
sich später als 1 Woche vor Tagungsbeginn abmelden,
müssen wir eine Ausfallgebühr in Höhe
von 50% der Kosten berechnen. Wenn Sie sich erst am
Tag des Tagungsbeginns oder später abmelden, werden
Ihnen die vollen Kosten in Rechnung gestellt.
Vormittags sind alle Tagungssekretariate
erreichbar. Einige Büros sind nachmittags nicht
mehr besetzt. Sie können in diesem Fall die Nummer
02371/352-141 anrufen. Außerhalb der üblichen
Bürozeiten und an den Wochenenden sind die Büros
nicht besetzt.
Tagungsort: Ev. Tagungsstätte Haus Ortlohn
Berliner Platz 12,58638 Iserlohn-Nußberg
Tel. 02371/352-0, Fax 02371/352-299
Anreise: Die Ev. Akademie Iserlohn ist gut
mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Detaillierte
Hinweise finden Sie in unserem Halbjahresprogramm.
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