Internationale Peter Weiss Gesellschaft

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Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn
23.-25. August 2002

Am Morgen des 16. August 2002 ist in Stockholm an den Folgen eines Herzinfarkts die schwedische Künstlerin (1917-2002) gestorben.
Henschen lebte 1942 bis 1945 mit Peter Weiss zusammen, seit 1943 waren beide verheiratet. Die gemeinsame Tochter Rebecca wurde 1944 geboren. Über die gemeinsame Zeit mit Peter Weiss schrieb Henschen ein Buch mit dem Titel Åren med Peter (Jahre mit Peter), erschienen 1991 in dem Stockholmer Arena-Verlag.
Anlässlich des Todes von Henschen wiederholen wir hier die kurze Rezension des Erinnerungsbuchs, die Beat Mazenauer im April 1992 in den "Notizblättern" 5 veröffentlichte. Das Beileid der IPWG gilt vor allen der Tochter von Helga Henschen, Rebecca Weiss, und all jenen, die die Verstorbene gut kannten

Der Wolf, die Steppe und die Literatur

Aus: NOTIZBLÄTTER 5. Mitteilungen der Internationalen Peter Weiss-Gesellschaft. [Berlin: IPWG,] April 1992, S. 29–31:
Link:

Jahre mit Peter
HeIga Henschen: Åren med Peter. – Stockholm: Arena Förlag 1991

»Ednas Familie war seit vielen Generationen in der Stadt ansässig. In der Patriarchenvilla am Rand des Tiergartens, in der sie bei ihrer Mutter wohnte, waren die Schriftsteller und Maler, die Verleger, Bankiers und Kunstsammler aus der Zeit der Jahrhundertwende aus- und eingegangen. Im Innern des großen, mit Erkern und Türmchen versehenen Hauses herrschte das Schweigen eines MausoIeums« (FIuchtpunkt, S. 74).

Mit diesen Worten schildert Peter Weiss in FIuchtpunkt die Atmosphäre in der Familie seiner ersten Frau, der Malerin Helga Henschen, der Nichte des schwedischen Generals Archibald Douglas, auf den Weiss in der Ästhetik des Widerstands wiederholt zurückkommt. Unversehens sah sich der vogelfreie Flüchtling in eine der führenden Familien des Landes eingebunden.

Ohne überschwängliche Anteilnahme schildert er diese Verbindung mit Helga und ihrer Familie in FIuchtpunkt. Allein, entspricht diese Schilderung der Wirklichkeit? Behandelte Weiss nicht auch diese biografische Episode mit verzerrender Subjektivität und nachträglichem Kalkül?

Etwas Licht ins Dunkel bringt nun der kürzlich erschienene Erinnerungsbericht von Helga Henschen: »Jahre mit Peter«. Die Autorin setzt ihre Freundschaft und Ehe mit dem »sehr weltgewandten« Fremden, der nachdenklich an seiner Pfeife sog und den sie bei einem Fest mit Freunden kennenlernte, in den Kontext ihrer eigenen Jugend- und Reifezeit.

Bislang unbekannte Fotografien vermitteln zusätzliche Einblicke.

Die andere Perspektive hat auch andere Erfahrungen und demnach andere Erinnerungen zur Folge, dennoch halten sich Übereinstimmung und Differenz im Vergleich der beiden Berichte von Weiss und Henschen die Balance. Betont Helga Henschen eher die integrativen Aspekte des Zusammenlebens, beider Kontakt zu den Eltern und Schwiegereltern, erinnerte sich Weiss vordringlich seines Status' als Paria und fremder Vogel. Zwei kurze Sequenzen aus dem vorliegenden Buch mögen veranschaulichen, was Helga Henschen berichtet, als Referenzstellen können für den ersten Ausschnitt die Seiten 107 ff. in Fluchtpunkt, für den zweiten die Seiten 71 f. in Von Insel zu Insel empfohlen werden.

Im Kapitel »Die Stunde der Wahrheit« schildert Helga Henschen, wie sie der Mutter ihre Schwangerschaft gesteht und Peters Absicht, sie zu heiraten. Flugs wird ein Treffen im Hause ihres Vaters und seiner zweiten Frau organisiert, um das unverhoffte neue Familienmitglied dem Clan vorzustellen:

»Peter und ich kamen etwas zu früh, so wurden wir zum Warten hinter die Türe zum Salon gestellt. Schweigend standen wir stramm Seite an Seite.
Dann trafen zwei von Pappas Schwestern mit ihrem Schwager, dem General (Archibald Douglas), ein. Ich grüßte und stellte ihnen meinen Bräutigam (Hu, was für ein Wort!) vor. Meine Tante, die Gräfin, und ihr Gemahl, der General, reichten steif die Hände, äußerten kein Wort und gingen, ohne eine Miene zu verziehen, weiter in den Salon. Da fingen sie eine artige Konversation mit der Gastgeberin an, als ob die zwei Delinquenten an der Türe nicht exisitierten.
Als die andere Tante väterlicherseits, die nicht so fein war, hereinkam, wurden wir endlich aus unserer Unsichtbarkeit erlöst. Sie begann interessiert mit Peter auf Deutsch zu sprechen. Und sie gab uns einen großen Beutel mit Karamel-Bonbons. Sie waren geformt wie kleine, glänzende Steine. Wenn man eine Weile daran saugte, hatte man eine Mandel im Mund. Eine Bittermandel.
Denn so peinlich war diese Mahlzeit. Gewiß war die Gastgeberin nett und plauderte mit Peter über deutsche Literatur und Musik. Die Gastgeberin selbst war Doktor phil. in Literatur und Musikgeschichte. Pappa war höflich, wandte sich aber meist dem General und der Gräfin zu. Wortlos suchte ich Verständnis bei der andern Tante.... Ich schämte mich tief über das Betragen meiner Verwandten.« (S. 65 f.)

Den August 1944 verbrachten Helga und Peter mit ihrer kleinen Tochter Randi [= Rebecca] und mit Verwandten und Bekannten auf einer kleinen Schäreninsel vor Stockholm:

»Abends ruderte man nach Avissa auf Örno, um bei einem Bauern Milch zu holen. Manchmal ruderten Peter und ich, manchmal Peter und Laila oder jemand anderer.
Manchmal war das Boot voll mit Jungen. Nicht eine einzige Schwimmweste gab es, vielleicht irgendeinen alten Korkgürtel mit Schnüren.
Eines stillen Abends ruderte Peter alleine, um Milch zu holen. Mit im Boot hatte er den großen, scheppernden Milchkessel aus Aluminium, das alte Modell mit dem kräftigen Deckel. Die Zeit verging, es begann zu dämmern, August war es. Peter ließ auf sich warten. Die Kinder waren hungrig. Sie sollten Milch erhalten und Butter, bevor sie ins Bett gesteckt wurden. Die Kinder plärrten und quengelten. Gerda besorgte diese Woche die Mahlzeiten. Sie begann ungeduldig und unsicher zu werden.
Wir alle wurden allmählich unruhig. Gerda ging zum Strand hinunter, um Ausschau zu halten. Weit weit draußen in der Förde sah sie winzig, wie einen Punkt, ein Boot herangetrieben kommen. ›Verfluchter Kerl‹, dachte sie, ›hat er es natürlich nicht richtig vertäut. Was machen wir nun?‹
Da erhebt sich ganz langsam eine Gestalt vom Bootsgrund. Peter nimmt die Ruder. Sachte sachte beginnt er, zum Strand hin zu rudern.
Er hatte sich auf den Boden des Bootes gelegt und philosophiert. Den Milcheimer hatte er geöffnet und sich die fette Milch in den Deckel gegossen. Dann hatte er sich hingelegt und die gute Sahne geschlabbert, derweil das Gedicht in seinem Geist Form annahm.
Langsam langsam legte er an und stieg an Land. In der einen Hand den Milchkessel, in der andern den wie einen Schild schützend vor sich gehaltenen Deckel.«

Peters eigene Version des Geschehens kann man in seinem ersten Buch Von Insel zu Insel (S. 71 f.; 79 f.) nachlesen

Beat Mazenauer

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