FRANKFURTER RUNDSCHAU, Dienstag 14. Juni 2005
Die Hölle als Konsum-Eldorado
Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper "Inferno" nach Dante und Peter Weiss im Bremer Theater am Goetheplatz
VON HARTMUT LÜCK
Unbeabsichtigt hat Johannes Kalitzke schon zum dritten Mal eine Künstler-Oper geschrieben: nach Bericht über den Tod des Musikers Jack Tiergarten (1991) und Molière oder Die Henker der Komödianten (1998) nun Inferno mit dem italienischen Frührenaissance-Genie Dante Alighieri als Hauptfigur. Die Anregung kam durch einen Text von Peter Weiss, der sich Anfang der 1960er Jahre mit dem Plan einer Theatertrilogie nach Dantes Divina Commedia trug. Der erste Entwurf fand sich in Weiss' Nachlass und wurde 2003 veröffentlicht, aber noch nicht als Sprechtheater aufgeführt. Wohl aber hatte Bremens Intendant Klaus Pierwoß davon Kenntnis erhalten und sogleich eine Verbindung zu Johannes Kalitzke hergestellt.
Peter Weiss' Aktualisierung des Inferno-Stoffes in die westdeutsche Nachkriegs-Realität hinein - Inferno als Wohlstands-Eldorado, Dante als heimkehrender Emigrant, darin ein Abbild von Peter Weiss selbst - war für den politisch wachen und kritischen Komponisten Johannes Kalitzke unmittelbar inspirierend, der Entwurf-Charakter der Textvorlage und ihre holzschnittartige Gestalt boten für die Musik viele Einstiege und Entfaltungsmöglichkeiten. Das betrifft vor allem ihre Doppelbödigkeit zwischen Ernst und Revue, Modernität und Genre-Attitüde mit spektralanalytischen Klängen einerseits, Boogie- und Walzer-Allusionen andererseits: Kalitzkes Inferno changiert gekonnt zwischen Nummern-Slapstick und Demaskierung einer verlogenen Wohlstands-Idylle.
Beeindruckend schon, wenn der Vorhang sich öffnet, das Bühnenbild von Heinz Hauser: im Hintergrund ein rechtwinkliges Gittergeflecht, Design-Architektur und Gefängnis gleichermaßen, und über die ganze Bühne eine überdimensionale, sich nach hinten verjüngende Spirale, Abbild der Dante'schen Höllenkreise, die sich immer tiefer hinabschrauben. Die Spiralform entfaltet sich dann auch musikalisch durch repetitive Verdichtungen und historische Formmodelle des Kreisens und Wiederkehrens (Uhrwerk, Spirale, Toccata, Labyrinth).
Auch die Inszenierung von David Mouchtar-Samorai war durch ihr dramaturgisches Konzept gewissermaßen der Spiralform verpflichtet; schon vor dem Einsatz der Musik gibt es eine Szene mit lachendem, alberndem Volk und oberflächlichem Party-Small-Talk, und noch einmal am Schluss, nachdem Beatrice (Sybille Specht), Idealbild utopischen Andersseins, "Ich sage mich für immer von euch los" gesprochen hat und Dante über der Vergeblichkeit seines Tuns zusammengebrochen ist. Das Volk kichert dazu. Neckisches Detail: die wehenden Kleider einiger Darstellerinnen, Anspielung auf das berühmte Bild von Marilyn Monroe über einer Heizluftanlage; dieses Motiv kehrt dann bei Beatrices letztem Auftritt wieder und kommentiert ihren Protest als vergeblich. Es gibt ansonsten wiederkehrende Personenkonstellationen und Bewegungen, aber erfreulicherweise kein sinnlos aktionistisches Herumlaufen.
Modischer Widerstand
Überragend als Dante zeigte sich Armin Kolarczyk, nicht nur stimmlich brillant den komplexen Anforderungen der Partitur entsprechend, sondern auch in der Rolle des Künstlers zwischen erlahmendem Protest auf der einen und Vereinnahmung auf der anderen Seite - das "Anything goes" der Konsumgesellschaft macht auch aus dem Widerstand einen Modegag, ohne dabei aber auf die Aufrechterhaltung des Status quo notfalls auch mit Gewalt zu verzichten.
Vergil, in der Göttlichen Komödie der behütende Führer Dantes durch die Unterwelt, erscheint hier als angepasster Staatspoet (Benjamin Bruns gab ihn nachsichtig und drohend gleichermaßen), der Dantes protestierendes Anderssein als hoffnungslose Illusion entlarvt. Alle anderen wesentlichen Rollen werden von Figuren übernommen, die von Rolle zu Rolle schlüpfen, also austauschbar sind; hier gefielen Ensemble und Chor durch munteren Einsatz und schwarze Komik.
Für die klangreiche, streckenweise geradezu sinnlich klangschöne Partitur hatte Stefan Klingele die Bremer Philharmoniker vorzüglich vorbereitet und das immer wieder vierteltönige Geschehen wie auch das Zusammenwirken von Instrumenten und Elektronik sehr überzeugend im Griff. Lediglich an der Textverständlichkeit könnte noch gearbeitet werden; eine deutschsprachige Oper sollte ständige Textprojektionen (was zudem vom Bühnengeschehen ablenkt) nicht nötig haben. Gleichwohl kam diese Oper über einen gesellschaftlichen Stillstand, die diesen spannungsvoll und nie erlahmend darlegte, beim Publikum gut an. Johannes Kalitzke konnte sich über viel Beifall und Bravos freuen.
Theater am Goetheplatz, 17., 24., 28. und 30. Juni, 2., 6. und 8. Juli