Zum zweiten Mal seit seiner Stiftung erhielt am 13. Oktober 2002 mit Harun Farocki ein genuiner Filmemacher den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum.
Farocki wurde am 1.9.1944
im deutsch besetzten »Sudetengau« als Sohn eines indischen Arztes, der seit
den 1920er Jahren in Deutschland lebte, geboren. Die Mutter war während der
Bombardierung Berlins dorthin evakuiert worden. 1947 wurde die Familie in
Indien repatriiert, floh aber vor dem Bürgerkrieg zwischen Hindus und Muslimen
bald weiter nach Indonesien, wo der Vater ein Hilfskrankenhaus leitete. 1956
kehrte die Familie nach Deutschland zurück und lebte zuerst in Bad Godesberg
(»rheinischer Klerikalismus«) und Hamburg (»Herrschaft der Bourgeoisie«).
Farocki studierte ab 1966 im ersten Jahrgang der Deutschen Film- und
Fernsehakademie Berlin (DFFB) – für deren Leitung im Vorfeld der Gründung
bekanntlich auch Peter Weiss im Gespräch war –, bevor er 1968 wegen seines
Radikalismus’ relegiert wurde. Seit 1966 entstanden rund 90 eigene kürzere oder
längere Experimental-, Agitations-, Dokumentar-, Spiel- und Essayfilme
(darunter in den 1970er Jahren auch Beiträge für die Sesamstraße und das
Sandmännchen), in denen zunehmend die Frage nach den Bedingungen der
Möglichkeit von Beobachtung gestellt wird. Daneben arbeitete Farocki als Drehbuchautor,
Schauspieler oder Produzent an Filmen anderer mit. 1974 bis 1984 war er Redakteur
und Autor der Zeitschrift Filmkritik, die 1980/81 maßgeblich an der
Wiederentdeckung des Filmemachers Peter Weiss beteiligt war. In den 1980er und
1990er Jahren arbeitete Farocki als Dozent in Berlin, Düsseldorf, Hamburg,
Manila, München, Stuttgart und Berkeley und brillierte mit komplexen
Essayfilmen und Dokumentationen. Zugleich gab es wichtige Ausstellungen und
Retrospektiven in Lissabon (1990), Los Angeles (1992), Paris (1995), Graz
(1998), Stockholm (1999), New York und Münster (2001). Er erhielt 1990 den Deutschen
Dokumentar-Filmpreis und 1994 den Adolf-Grimme-Preis.
Die Jury der Stadt Bochum
verlieh Harun Farocki den Peter-Weiss-Preis 2002, weil er eine »filmische
Ästhetik des Widerstands« geschaffen habe, die »den Stellenwert technischer Bilder
in unserer Mediengesellschaft« hinterfrage. Besonders beeindruckte die Jury,
»dass Farocki immer wieder auf archiviertes Bildmaterial zurückgreift, um so
auch die historische Entwicklung und Verschiebung des technischen,
gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Stellenwerts von Bildern
aufzuschlüsseln«. Er gehöre zu den »wenigen zeitgenössischen Filmemachern, die
das Medium Film dazu nützen, soziale und kulturelle Prozesse nicht nur zu dokumentieren
und zu analysieren,
sondern immer auch die
jeweils dominierenden Bildtechniken in ihrer eigenen Ästhetik dafür zu
verwenden«. Die Preisvergabe wollte die Jury auch »als ein Signal zur Stärkung
experimenteller und dokumentarischer Filmarbeit verstanden wissen« (aus der
Begründung der Jury).
Während der Preisverleihung
wurde Auge/Maschine II (2002) gezeigt, die Fortführung des Projekts Auge/Maschine
I, das im Oktober 2001 zuerst von 3sat ausgestrahlt wurde.
Ausgangspunkt waren die Aufnahmen von Projektilen aus dem Golfkrieg von 1991,
bei denen Bombe und Berichterstatter identisch waren. Zugleich wird deutlich,
dass mittlerweile fotografierte und simulierte Bilder nicht mehr zu
unterscheiden sind. Farocki verknüpft diese Erfahrungen mit Beobachtungen zur
sogenannten C3I (Command, Control, Communication &
Intelligence)-Technologie, die nicht nur im militärischen Bereich, sondern
auch in der zivilen Konsumgüterproduktion Anwendung findet: Visuelle Bilderkennungsprogramme,
die automatisiert Handlungen auslösen und den die Maschine angeblich
kontrollierenden, in Wirklichkeit aber nur noch bedienenden Menschen zu einem
nachgeordneten Organ degradieren. Die Bilder werfen die radikale Frage auf,
inwieweit der Einzelne und die Gesellschaft angesichts des technologischen Standards
noch Verantwortung übernehmen können.
Die Verquickung ziviler und
militärischer Technologie interessierte Farocki schon früh. Der 1969
entstandene Film Nicht löschbares Feuer exemplifizierte dies bereits am
Beispiel der Firma Dow Chemical, bei der Klarsichtfolien für den Alltag ebenso
wie das Napalm für den Vietnam-Krieg hergestellt wurden. Der Krieg, dem man auf
allen Ebenen entgegenwirken müsse, blieb ein wichtiges Thema für Farocki. Zwischen
zwei Kriegen (1978), wo es um wirtschaftliche und technische Entwicklungen
ging, die den Kapitalismus zum Nationalsozialismus und in den Krieg geführt
haben, wäre ein Beispiel; ein anderes Bilder der Welt und Inschrift des
Krieges (1988), das Bilder aus Algerien 1960, aus einer Kunstakademie und
einer Maschinenfabrik um das Luftbild gruppieren, das amerikanische
»Aufklärer« am 4.4.1944 von Auschwitz gemacht hatten, ohne zu erkennen, was
darauf zu sehen war – das entdeckte man erst 1977. Um richtig gelesen werden zu
können, brauchen die Bilder einen bereits ›aufgeklärten‹ Betrachter, was die
Frage nach der Möglichkeit von Aufklärung durch Bilder im Zeitalter visueller
Medien besonders virulent macht.
Die Skepsis gegenüber dem
Bild als Abbild der Welt blieb ein beherrschendes Thema in der Arbeit Farockis;
immer wieder stellte er die Frage, ob Bilder die Wirklichkeit ablichten oder
sie vielmehr erst konstruieren. Der Filmemacher muss infolgedessen vorgefundene
Bilder ästhetisch dekonstruieren, um ihren möglichen Wirklichkeitsgehalt
befragbar zu machen. Was war eigentlich in Rumänien zwischen dem 21. und
26.12.1989 passiert? Ob der streng chronologische Zusammenschnitt ›authentischer‹
Aufnahmen, die Farocki und Andrej Uijca 1993 zu den Videogrammen einer
Revolution montierten, die historischen Ereignisse tatsächlich dokumentieren,
bleibt am Ende zweifelhaft. Dass
in Rumänien 1989 ein histo- rischer
Bruch stattfand, ist unbestreitbar; aber gleicht sein Abbild nicht eher einer
»Operette« als einer Dokumentation, fragte Aureliana Sorrento.
Filmische Bild-Komposition
ist für Farocki längst synonym geworden mit Bild-Analyse, also der Zergliederung
von Bildern zum Zweck des Erkenntnisgewinns. »Mein Programm ist nicht
Remythisierung«, meint Farocki. Ihren Mythos produzieren die Bilder selbst. Ihn
zu destruieren, ohne mit der Kritik eine neue, abermals eindeutige Lesart
mitzuteilen, bleibt die Aufgabe des kritischen Dokumentars und filmischen
Essayisten.
Somit scheint Farocki an der gleichen »Zweifel-Krankheit« zu leiden wie Peter Weiss, dessen Kurzfilme er 1982 filmisch porträtierte. Und noch eines verbindet ihn mit diesem: Die Fähigkeit zur genauen Beobachtung, die er einem ähnlichen ›Schicksal‹ wie Weiss zu verdanken glaubt: »Wenn man als Kind so oft umzieht und immer wieder alles verliert, von Freunden, Haus, Garten Abschied nehmen muss, dann prägt man sich alles gut ein, erinnert sich an jede Einzelheit«.
Während seine Lehrer in den
1960er Jahren von seinem Minimalismus noch überfordert waren, reüssierte
Farocki spätestens seit den 1980er Jahren mit seinen auf den ersten Blick
intentionslos wirkenden, jedenfalls aber kaum interpretierten Sammlungen von
»Informationen, Ideen« und »Vorstellungen«. Neben den schon genannten stehen
dafür bekannte Filme wie etwa Etwas wird sichtbar (1982), Wie man
sieht (1986), Leben BRD (1990), Stilleben (1997, für die
documenta X), Die innere Sicherheit (2000, mit Christian Petzold) und Die
Schöpfer der Einkaufswelten (2001). Noch 1993 nannte der niederländische
Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser Harun Farocki Deutschlands »wichtigsten
unbekannten Filmemacher«; zehn Jahre danach musste er ihn als den »bekanntesten
der wichtigen Filmemacher« Deutschlands apostrophieren.
Hinweise:
Harun Farocki:
Nachdruck/Imprint. Texte/Writings. Hg. v. Susanne Gaensheimer und Nicolaus
Schafhausen. Berlin: Vorwerk 8/New York: Lukas & Sternberg, 2001.
Tilman Baumgärtel: Vom
Guerillakino zum Essayfilm: Harun Farocki. Werkmonografie eines Autorenfilmers.
Berlin:
b_books, 1998.
Rolf Aurich/Ulrich Kriest
(Hrsg.): Der Ärger mit den Bildern. Die Filme von Harun Farocki. Konstanz: UVK
Medien, 1998 (= Close up, Bd. 10).
Internet: www.farocki-film.de
Impressum
Die
"Notizblätter. Mitteilungen der Internationalen
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Notizblätter der IPWG, Prof. Dr. Jürgen Schutte, Apostel-Paulus-Str. 7, 10823
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E-mail: jschutte@peterweiss.org
Redaktion
dieser Ausgabe:
Yannick Müllender, Tilman
Lücke, Günter Schütz, Jürgen Schutte, Joanna Sumbor
Redaktionsschluss
der nächsten Ausgabe:
15. August 2003
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